STARTSEITE
IMPRESSUM




Informationen & Interpretationen
zu Annette von Droste-Hülshoff


              Hartmut Schönherr

Portrait Annette
              von Droste-Hülshoff - Johann Joseph Sprick 1838


SEITENINHALT

Werk und Deutungen: Unruhe - Gesegnet - Vor vierzig Jahren - Das Spiegelbild - An die Schriftstellerinnen - An die Weltverbesserer - Dichters Naturgefühl - Der zu früh geborene Dichter - Kinder am Ufer - Mit Laura's Bilde - Die Mergelgrube - Das Ich der Mittelpunkt der Welt - Der Knabe im Moor - Abschied von der Jugend - Ledwina - Perdu! - Die Judenbuche

Briefe: Therese von Droste-Hülshoff - Anton Mathias Sprickmann - Heinrich Straube - Sibylle Mertens-Schaaffhausen - Christoph Bernhard Schlüter - Levin Schücking - Elise Rüdiger - Über Droste-Hülshoff

Themen: Biographie - Autobiographisches - Fräulein Nettes kurzer Sommer - "Mein Tusculum" - Männer - Frauen - Krankheiten - Musik - Humor - Natur - Raum und Zeit - Politik und Religion - Poetologie - Englische Literatur - Rezeption


WERK UND DEUTUNGEN  


Unruhe
(1816)


Lass uns hier ein wenig ruhn am Strande,
Foibos Strahlen spielen auf dem Meere.
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reisge Schiffe ziehn zum fernen Lande?

Ach wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit!
Kein Gedanke mehr an Maß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume;
Es zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermeßlich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet des Meeres Grenzen,
Wie fern die schäumende Woge es treibt?
Wer seine Tiefe, wenn mutlos kehret
Des Senkbleis Schwere,
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt?

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O, ich möchte wie ein Vogel fliehen,
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen,
Weit, o weit, wo noch kein Fußtritt schallte,
keines Menschen Stimme widerhallte,
Noch kein Schiff durchschnitt die flücht’ge Bahn.

Und noch weiter, endlos, ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frei –
O, das pocht, das glüht in meiner Brust.

Rastlos treibts mich um im engen Leben,
Und zu Boden drücken Raum und Zeit,
Freiheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit.

Stille, stille, mein törichtes Herz!
Willst du denn ewig vergebends dich sehnen,
Mit der Unmöglichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben,
So liebe Freuden jeder Augenblick,
Dort stille, Herz, dein glühend heißes Beben,
Es gibt des Holden ja so viel im Leben,
So süße Lust, und ach! So seltnes Glück.

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden,
Die ihn umblühn, sie schwinden ungefühlt,
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden;
Gibt Phoibos heller Strahl dir keine Freuden,
Der freundlich auf der Welle spielt?

Lass uns heim vom fernen Strande kehren!
Hier zu weilen, Freund, es tut nicht wohl;
Meine Träume drücken schwer mich nieder;
Aus der Ferne klingts wie Heimatslieder,
Und die alte Unruh kehret wieder –
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren,
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde,
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum,
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!


Das Gedicht "Unruhe" entstand Januar/Februar 1816, zu einer Zeit, als die Autorin erste Anerkennung im kleinen Kreis gefunden hatte, insbesondere durch den väterlichen Mentor Anton Mathias Sprickmann, gelegentlich auch durch Wilhelm Grimm, einen engen Freund ihrer älteren Schwester Jenny, der zur Autorin ansonsten ein gespaltenes Verhältnis hatte, mit Kritik sich nicht zurückhielt. Mit dem 47 Jahre älteren Sprickmann scheint Droste auch eine erste Liebesschwärmerei zu verbinden, ihre Briefe aus der Zeit weisen darauf hin.

Veröffentlicht wurde das Gedicht zu Lebzeiten nicht, die Autorin schickte es an Sprickmann mit dem Wunsch, es "gütig" aufzunehmen und gab es zwei Freundinnen für deren Alben. Es liegt in verschiedenen geringfügig voneinander abweichenden Varianten vor, von denen keine als "letzter Hand" gelten kann. Ich habe mich an der historisch-kritischen Ausgabe orientiert. Der Text steht für die schon früh ausgeprägte Neigung der Autorin zu erzählender Lyrik. Der balladenartige Ton ist allerdings durch und durch persönlich, die Du-Anrede gleich zu Beginn ist ernst zu nehmen, auch wenn die Bilderwelt eher einer historischen Abenteuer- und Seefahrererzählung zu entstammen scheint, mit Heeren, Wimpeln, Schiffen ("reisge" bedeutet: zur Reise bereite), Meer und "wagenden Seglern". Auffallend ist, neben der wiederkehrenden Du-Anrede, auch die Dominanz der Fragen, vier Strophen enden mit einem Fragezeichen und von den wenigen Ausrufezeichen steht eines hinter "Stille, stille, mein törichtes Herz" und eines hinter "ach". Die persönliche Dimension wird auch im Begleitbrief an Sprickmann angesprochen, worin die Autorin angibt, das Gedicht male "den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen".

Strand und Meer werden zu den Ingredienzen einer Seelenlandschaft, deren bestimmendes Thema der Gedichttitel nennt. "Unruhe" steht für eine diffuse Sehnsucht nach Unbekanntem, nach Weite, nach Aufbruch, Wildheit, Entdeckung, Ferne, Veränderung. "Maß und Räume", "Raum und Zeit" werden genannt als die zu überwindenden Einschränkungen - das kennen wir aus der Literatur des Sturm und Drang, gedeutet wird es für diese Epoche als Entsprechung zum politisch-gesellschaftlichen Aufbruch der Aufklärung. Bei Annette von Droste-Hülshoff wird das ins persönliche gewendet, mit biedermeierlichen Zügen. Auch scheint ein privates Motiv auf, die Einengung durch die eigene Herkunft und Familie. "Fesseln will man uns am eignen Herde" heißt es in der letzten Strophe, ein deutlicher Protest gegen die Rollenfixierung für die Frauen.




Gesegnet
(1838)

Wer bist du doch, o Mädchen?
Du mit dem schwarzen Schleier,
Und mit dem schwarzen Sklaven?
Der weißen Sklavin du?

Wie Sterne deine Augen
Durch deines Schleiers Nächte,
Dein Gang wie der Gazelle,
Wie Palme die Gestalt.

Gesegnet sind die Wellen
Des Bades, die dich kühlen,
Gesegnet die Gewänder,
Umschließend deine Huld.

Und siebenfach gesegnet
Der Sklave, dem du winkest,
Der deinen Tritten lauschet,
Der deine Stimme hört.


Der Text gehört zum Zyklus "Klänge aus dem Orient", der zwischen März und Juni 1838 entstanden ist. Annette von Droste-Hülshoff reihte sich mit ihrem Zyklus ein in die Ende des 18. Jahrhunderts aufgeflammte orientalisierende Lyrikproduktion, deren bekannteste Zeugnisse Goethes "West-östlicher Divan" von 1819 und Friedrich Rückerts "Oestliche Rosen" von 1822 sind. Anders als bei Goethe oder Rückert ist bei Droste-Hülshoff keine ideengeschichtlich relevante Auseinandersetzung mit "orientalischer" Sprache, Literatur oder Kulturgeschichte zu finden.

Als Motivvorlage diente ihr teilweise die Sammlung "Rosenöl" oder "Sagen und Kunden des Morgenlandes" von Joseph von Hammer-Purgstall (dem Persisch-Lehrer Rückerts), erschienen 1813. Diese hatte sie wohl schon in den 1820er Jahren im Elternhaus kennengelernt. Aber erst 1834/35 hatte sie sich anlässlich der Lektüre von Thomas Moore's Versepos "Lalla Rukh" (engl. 1817, dt. 1822) intensiver mit "morgenländischen" (s. Brief an Schlüter vom 19. Juli 1838) Stoffen beschäftigt und mit der Konzeption ihres eigenen Beitrages begonnen. Nachweisbar ist der Einfluß von "Rosenöl" lediglich an der Ballade "Der Barmekiden Untergang".

Der ganze Zyklus war wohl für die erste Gedichtsammlung von 1838 vorgesehen, dann wurden jedoch nur die Texte "Der Barmekiden Untergang" und "Bajazeth" in die Sammlung 1844 aufgenommen. Die anderen Texte veröffentlichte Schücking 1860 aus dem Nachlass. Der Titel des vorliegenden Textes wurde von fremder Hand in die letzte Handschrift der Autorin eingetragen.

Auf den ersten Blick ist das vorliegende Gedicht nichts weiter als eine belanglose Übung - als solche wurde der ganze Zyklus von der Forschung auch lange angesehen. Inhaltlich klingt gleich die erste Strophe befremdlich. Was soll etwa die abschließende Frage "Der weißen Sklavin du?" besagen? Der Satz wirkt unfertig, doch der Blick in die Handschriftenvarianten zeigt uns: Gemeint ist "du mit dem schwarzen Sklaven und der weißen Sklavin".

Das "Mädchen" dieses Gedichtes nun hat zwei "Sklaven",  einen männlichen, "schwarzen", und einen weiblichen, "weißen". Was folgt ist eine erotisch konnotierte Beschreibung des "Mädchens", die an das Hohelied Salomos erinnert, in welchem auch ein "Freund" und eine "Freundin" erscheinen, ein männlicher und ein weiblicher Partner, die teilweise in einen Dialog eintreten, teilweise auf einen/eine Dritte bezogen sind. Religiös aufgeladen wird der Text Droste-Hülshoffs durch die Nennung der Zahl Sieben in der letzten Strophe, verbunden mit dem Partizip Perfekt "gesegnet".

Häufig wurde schon darauf hingewiesen, dass in arabischer Liebeslyrik, bei Ibn Hazm ("Halsband der Taube") etwa, die geschlechtliche Bestimmung der Liebespartner keineswegs eindeutig heterosexuell eingebunden ist, wie die Übersetzungen in der Regel suggerieren. Martina Wagner-Egelhaaf spricht davon, dass in den Texten des Zyklus "die Grenzen der Geschlechter (...) ebenso errichtet wie übertreten werden" (Wagner-Egelhaaf 1998, S. 163). Sie meint damit explizite zwar nur die Grenzen zwischen Mann und Frau, fährt aber fort mit der Deutung, "daß sich die Geschlechteridentitäten nur im Wechselblick konstituieren" (ebd. S. 163f).

Wie es scheint, benutzte Droste-Hülshoff die orientalisierende Verkleidung, um ihre eigenen Anliegen zu transportieren. So finden sich Motive aus dem stark autobiografischen Gedicht "Das Spiegelbild" in verschiedenen Zyklus-Gedichten wieder, etwa in "O Nacht!" als nachgerader Gegenentwurf zu "Das Spiegelbild".

Lektüreempfehlung: Martina Wagner-Egelhaaf, Grenz-Rede. Annette von Droste-Hülshoffs "Klänge aus dem Orient", in: Ernst Ribbat (Hrsg.), Dialoge mit der Droste, Paderborn: Schöningh, 1998



Vor vierzig Jahren
(1841/42)

Da gab es doch ein Sehnen,
Ein Hoffen und ein Glühn,
Als noch der Mond »durch Thränen
In Fliederlauben« schien,
Als man dem »milden Sterne«
Gesellte was da lieb,
Und »Lieder in die Ferne«
Auf sieben Meilen schrieb!
 
Ob dürftig das Erkennen,
Der Dichtung Flamme schwach,
Nur tief und tiefer brennen
Verdeckte Gluten nach.
Da lachte nicht der leere,
Der übersatte Spott,
Man baute die Altäre
Dem unbekannten Gott.
 
Und drüber man den Brodem
Des liebsten Weihrauchs trug,
Lebend'gen Herzens Odem,
Das frisch und kräftig schlug,
Das schamhaft, wie im Tode,
In Traumes Wundersarg
Noch der Begeistrung Ode,
Der Lieb' Ekloge barg.
 
Wir höhnen oft und lachen
Der kaum vergangnen Zeit,
Und in der Wüste machen
Wie Strauße wir uns breit.
Ist Wissen denn Besitzen?
Ist denn Genießen Glück?
Auch Eises Gletscher blitzen
Und Basiliskenblick.
 
Ihr Greise, die gesunken
Wie Kinder in die Gruft,
Im letzten Hauche trunken
Von Lieb' und Aetherduft,
Ihr habt am Lebensbaume
Die reinste Frucht gepflegt,
In karger Spannen Raume
Ein Eden euch gehegt.

Nun aber sind die Zeiten,
Die überwerthen, da,
Wo offen alle Weiten,
Und jede Ferne nah.
Wir wühlen in den Schätzen,
Wir schmettern in den Kampf,
Windsbräuten gleich versetzen
Uns Geistesflug und Dampf.
 
Mit unsres Spottes Gerten
Zerhaun wir was nicht Stahl,
Und wie Morgana's Gärten
Zerrinnt das Ideal;
Was wir daheim gelassen
Das wird uns arm und klein,
Was Fremdes wir erfassen,
Wird in der Hand zu Stein.
 
Es wogt von End' zu Ende,
Es grüßt im Fluge her,
Wir reichen unsre Hände,
- Sie bleiben kalt und leer. -
Nichts liebend, achtend Wen'ge
Wird Herz und Wange bleich,
Und bettelhafte Kön'ge
Stehn wir im Steppenreich.


Verfasst wurde der Text zwischen dem 30. September 1841 und Anfang Februar 1842 auf der Meersburg, zuerst veröffentlicht in der Sammlung "Gedichte" von 1844.

Ein äußerst bemerkenswerter Text, der die Gegenwart der Zeit um 1840 konfrontiert mit der Zeit romantischer Dichtung, die von Droste-Hülshoff als Spiegel einer auch im übertragenen Sinne romantischen Zeit gelesen wird, einer Zeit, in der Gläubigkeit und Langsamkeit dominierten - gegenüber einer Gegenwart, die sich wissend dünke und eilfertig dahineile. Was die Autorin dabei zu ihrer Gegenwart schreibt, klingt keineswegs "biedermeierlich", wie man ihr dies in vorschnellen Epochenzuweisungen geläufig zuschreibt. Es klingt vielmehr bestürzend aktuell, wenn sie diagnostiziert, dass "jede Ferne nah" geworden sei, dabei aber unlebendig, abstrakt, "zu Stein" geworden in unseren alles verfügen wollenden Händen.

Dabei gerät die Schilderung ihrer Gegenwart überzeugender als die idyllisierende Darstellung der Romantik, die primär als Folie für die Darstellung der Zeitgenossenschaft dienen soll. Denn natürlich kannte die Autorin auch die Zwiespältigkeit der Romantik, kannte das Werk E.T.A. Hoffmanns, kannte die geschichtlichen Ereignisse. Sie zitiert eine Idylle, die es auch in der Romantik nicht als Wirklichkeit gegeben hat - und die ironischerweise ihrer eigenen Epoche später als Ideal vorgehalten wurde, das Kitschbild eines Mondes, der "durch Trähnen/In Fliederlauben" schien, geronnen in einer Zeitschrift, die ab 1853 erschien, mit dem Titel "Die Gartenlaube" - die sich allerdings auch nicht reduzieren läßt auf die Verbreitung "biedermeierlicher" Beschaulichkeit.

Man mag sich streiten, wie weit hier lediglich eine weitere Variante des alten Themas "Früher war alles besser" vorliegt. Der erste Rezensent hat den Text exakt so gelesen und gelobt. Von Eugen Christoph Benjamin Kühnast ist am 28. Dezember 1844 im "Westfälischen Merkur" zu lesen: "Die moderne Lebensweisheit, der über dem Denken das Gefühl abhanden gekommen, wird scharf und schön gezeichnet. Und stille Klage liest man zwischen den Zeilen über den Umschwung der Dinge. Wer möchte nicht trauern mit der Dichterin über das, was verloren ist und unwiederbringlich verloren scheint".

Die genauere Lektüre fragt aber schon danach, was denn gemeint sei damit, "der Dichtung Flamme" sei schwach. In der Zeit der Weimarer Klassik und der Jenaer Romantik sei die Dichtung unbedeutend, "schwach" gewesen? Sicherlich meint die Autorin eher die Gegenwart, in der "verdeckte Gluten" der Vergangenheit (nur) noch nachbrennen. Sie schiebt dies jedoch ein in eine Passage, die der Vergangenheit gilt, in kurzfristigem Wechsel der Zeitform. Wie Vieles in diesem Gedicht bleibt auch die Aussage hier vage und unbestimmt.

Vergessen wir nicht: Droste-Hülshoff hatte mit Schücking gleichsam verabredet, während der Zeit auf der Meersburg jeden Tag ein Gedicht zu verfassen ("Dichterwette"). In einem Schreiben aus der Meersburg an Freiligrath Anfang Februar schreibt Schücking: "Die Droste unterbrach mich eben, indem sie in meinen Turm kam, um mir ihr Gedicht vorzulesen; täglich wird eines fabriziert; jetzt sind es schon 53." Dass dabei nicht alles gelingen konnte, sollte unser Verständnis finden.

Hellsichtig ist der Text da, wo er die Beschleunigung zeitlicher Abläufe und das Schrumpfen von Entfernungen, den gierigen Zugriff auf die Ressourcen des Planeten und die Unverbindlichkeit der Lebensführung als Insignien seiner Zeit - und unverkennbar damit als Insignien der Industriellen Revolution ("Dampf" am Ende von Strophe VI), die uns bis heute bestimmen - darstellt.

Die Qualität des Textes zeigt sich darüber hinaus in leicht zu übersehenden Details. So schreibt Droste-Hülshoff in den beiden letzten Zeilen der zweiten Strophe vom "unbekannten Gott", dem in der Vergangenheit Altäre gebaut worden seien. Das kennen wir (und die schier endlos belesene Autorin natürlich auch) aus der Apostelgeschichte 17,16-34, da pedigt der Apostel Paulus den Athenern und erklärt ihnen, der Christengott sei der "unbekannte Gott", dem in Athen ein Altar geweiht sei. Vor vierzig Jahren sei also das Christentum noch lebendig gewesen wäre eine Deutung der fraglichen Zeilen, eine andere, weniger gefällige, die Zeit um 1800 habe den Athenern nahe gestanden, weniger dem Christentum. Und ableiten ließe sich eine Mitschuld des Christentums am beklagten Kulturverfall, breitete es doch "den Brodem/Des liebsten Weihrauchs" über die Altäre des unbekannten Gottes aus.

Auch wenn diese ketzerisch anmutende Wendung sofort eingebunden wird in "Lebend'gen Herzens Odem" bleibt der Verdacht, dass Annette von Droste-Hülshoff eben nicht die nette, fromme "Nette" war, als die sie noch immer häufig gelesen wird, nett zu Kirche, Staat und Münsterland. Den Verdacht stärkt sie nachhaltig selbst im Gedicht "Das Spiegelbild" aus der gleichen Zeit, wollen wir es denn auch als Selbstportrait lesen.


Das Spiegelbild
(1841/42)

Schaust du mich an aus dem Kristall,
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meines Gleichen!
 
Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mir das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd' ich dich lieben oder hassen?
 
Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll todten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.
 
Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möcht in treue Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis' es durch die Züge wühlt,
Dann möcht ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewust,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!
 
Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd ich, und
Mich dünkt - ich würde um dich weinen!


Auch dieser Text entstand auf der Meersburg 1841/42. Erstmals erschienen ist er in der Sammlung "Gedichte" 1844. Im ältesten Gedichtverzeichnis der Autorin trägt er noch den Titel "Mein Spiegelbild".

Die ambivalenten Charakterdeutungen von Augen und Mund in den Strophen III und IV verweisen auf Entgegensetzungen, die sich auch strukturbildend im Gedicht "Vor vierzig Jahren" finden - dort bezogen auf den Epochenbruch zwischen romantisch-klassischer Literaturepoche und dem "übersatten Spott" der Droste-Hülshoffschen Gegenwart. Das geht bis in einzelne Formulierungen. So heißt es in "Vor vierzig Jahren": "Auch Eises Gletscher blitzen/Und Basiliskenblick." In "Das Spiegelbild" wird vom "Phantom" des Spiegelbildes gesagt, es sei gekommen, "Zu eisen mir das warme Blut". Und in Strophe III ist "von des Auges kaltem Glast" die Rede.

Die Autorin arbeitet hier nicht nur mit dem romantischen Motiv des Doppelgängers, das sie 1844 in einem Gedicht mit exakt dem Titel "Doppeltgänger" in erstaunlich wenig dramatischer Weise entfalten sollte. Sie treibt vor allem das Goethesche Motiv des "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust" ins Extrem. Und zwar durchaus denkbar mit autobiographischem Hintergrund, wie uns der ursprüngliche Titel und einige Zeugnisse von Zeitgenossen nahelegen. So schreibt Levin Schücking am 09. März 1843 an Louise von Gall, Droste-Hülshoff könne "die innersten Gedanken einem aus dem Herzen" lesen. In seinem Portrait "Annette von Droste" schreibt er 1862 von ihrer "mit stahlscharfer Sonde eindringenden Menschenkenntniß".

Privates hat die Autorin stets zu verbergen gesucht, ihre Briefwechsel waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sie hat Briefpartner gar dazu aufgefordert, ihre Schreiben zu vernichten. Am 5. September 1843 berichtet sie Elise Rüdiger gegenüber von der Verbrennung zahlreicher Briefe. Levin Schückings Essay "Annette von Droste. Eine Charakteristik" im Jahrbuch "Vom Rhein" 1847 wollte sie nicht zur Kenntnis nehmen, biographische Auskünfte verweigerte sie.

Gerade vor diesem Hintergrund ist das Gedichte "Mein/Das Spiegelbild" von besonderer Bedeutung. Auch wenn es immer wieder beteuert "du bist nicht meines Gleichen" oder "Es ist gewiß, du bist nicht Ich/Ein fremdes Dasein". Dem steht nämlich entgegen der Ausruf "Gnade mir Gott, wenn in der Brust/Mir schlummernd deine Seele ruhet!". Und während das lyrische Ich vor dem "Phantom" des Spiegelbildes im Vollzug des Gedichtes fliehen möchte, bekennt es am Ende "Nur leise zittern würd ich, und/Mich dünkt - ich würde um dich weinen!", träte das "Phantom" aus dem Spiegel über in das reale Leben.

Am prägnantesten hat bislang Walter Gödden in seiner bemerkenswerten Auseinandersetzung mit Annette von Droste-Hülshoffs Briefen, "Die andere Annette", auf Zwiespältigkeiten im Charakter der Autorin hingewiesen: "es gibt genügend Gründe, diesen Briefen zu mißtrauen: extrem adressatenbezogene Urteile, gespielte Freundschaftsverbundenheit und aufgesetzter Familiensinn, ungerechte Urteile infolge von Stimmungslagen oder persönlichen Antipathien, schließlich das Talent der Autorin zur Selbstinszenierung: was darf man diesen Briefen überhaupt glauben?" (Gödden 1991, S. 196) Und er endet mit der Mahnung, die "Vielschichtigkeit dieser Briefe offenbart eine in vielem widersprüchliche Persönlichkeit, die sich nicht mit Schablonen erfassen läßt" (Gödden 1991, S. 197).

Mit Blick auf Texte wie "Der Knabe im Moor" müssen wir allerdings auch einbeziehen, dass die Lust am Geheimnisvollen, auch Gruseligen, hier zu Überzeichnungen beigetragen haben könne, dass der Text als Selbstbeobachtung und Selbstreflexion fehlgedeutet wäre. Levin Schücking liest die beiden letzten Strophen des vorliegenden Gedichtes als Belege für die Neigung Droste-Hülshoffs zur Beschäftigung "mit Ahnungen, Geistern und Erscheinungen" ("Vom Rhein", Jg. 1, 1847, S. 246). Auch wenn diese Strophen sich nahtlos aus den beiden vorangegangenen Strophen entwickeln, müssen wir behutsam sein mit der Annahme, hier sei eine Auseinandersetzung mit den eigenen seelischen Abgründen - des lyrischen Ich, vielleicht auch der Autorin - zu lesen.


An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich
(1841/42)

Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten -
Und ihr gleich Fichten die zerspellt von Wettern -
Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten -
Laßt wie Dragoner die Trompeten schmettern;
Der kann ein Schattenbild die Wange röthen -
Die wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern;
Ward denn der Führer euch nicht angeboren
In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?
 
Schaut auf! zur Rechten nicht - durch Thränengründe,
Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken,
Wo einsam die veraltete Selinde
Zur Luna mag die Lilienarme strecken;
Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,
Längst überfloß der Sehnsucht Thränenbecken;
An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,
Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen.
 
Doch auch zur Linken nicht - durch Winkelgassen,
Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken,
Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen,
Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken,
Der Sinne Bachanale, wo die blassen
Betäubten Opfer in die Rosen sinken,
Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,
Man drüber legt die Kränze der Hetäre.
 
O dunkles Loos! o Preis mit Schmach gewonnen,
Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!
Grad', grade geht der Pfad, wie Stral der Sonnen!
Grad', wie die Flamme lodert vom Altare!
Grad', wie Natur das Berberroß zum Bronnen
Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!
Ihr könnt nicht fehlen, er, so mild umlichtet,
Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.

Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte,
Die euch umgeben wie mit Heilgenscheine,
Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,
Und legte Anathem auf das Gemeine.
Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,
Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,
Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden,
Denn alles nimmt sie, doch aus reinen Händen.
 
Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen,
An allen Wegen hauchen Naphtablüthen,
Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen,
Und Jeder mag die eignen Sinne hüten.
Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen,
Die noch zusammenbrechend haun und wüthen.
Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,
Singt, aber zitternd, wie vom Weih' die Tauben.
 
Ja, treibt der Geist euch, laßt Standarten ragen!
Ihr wart die Zeugen wild bewegter Zeiten,
Was ihr erlebt, das läßt sich nicht erschlagen,
Feldbind' und Helmzier mag ein Weib bereiten;
Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,
Stellt nicht das Ziel in ungemessne Weiten,
Der kecke Falk ist überall zu finden,
Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen.
 
Vor Allem aber pflegt das anvertraute,
Das heilge Gut, gelegt in eure Hände,
Weckt der Natur geheimnißreichste Laute,
Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;
Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute,
Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,
Daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen,
Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen.

Ihr hörtet sie die unterdrückten Klagen
Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.
Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen,
Wo nur Ein Gott, der Gott im eignen Hirne?
Frischauf! - und will den Lorbeer man versagen,
O Glückliche mit unbekränzter Stirne!
O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen!
Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen!


Geschrieben wurde auch dieses Gedicht im Winter 1841/42 auf der Meersburg. 1842 erschien es im "Morgenblatt für gebildete Leser", 1844 in der Sammlung "Gedichte". Zunächst trug es den Titel "An die Blaustrümpfe". Die Adressierung ist zu verstehen vor dem Hintergrund der französischen Revolution und der nachfolgenden bürgerlich-liberalen Bewegungen in Deutschland und Frankreich, kulminierend im "Vormärz". Anders als ihr im gleichen Jahr wie sie geborener Schriftstellerkollege Heinrich Heine bekannte Droste-Hülshoff sich nie explizit zur Vormärzbewegung. Aber in vielen ihrer Texte werden Themen des Vormärz' verhandelt.

Vordergründig ermahnt das Gedicht zu Genügsamkeit und zur Pflege traditioneller weiblicher Tugenden. Insbesondere die Strophe VIII, die vorletzte des Gedichtes, klingt geradezu mustergültig "biedermeierlich". Doch die erste Strophe schon enthält deutlich die Absage sowohl an revolutionäres Pathos wie auch an biedermeierlichen Rückzug. "Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten" heißt es an die Adresse eines konservativen Frauenbildes, "Und ihr gleich Fichten die zerspellt von Wettern" hält sie den revolutionär gesinnten Frauen ihrer Generation entgegen. Und beide mahnt sie: "Ward denn der Führer euch nicht angeboren/In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?"

In den Strophen zwei und drei werden die beiden Gruppen expliziert unter der räumlichen Zuordnung Rechts-Links. Ob die Autorin dabei auf die Sitzordnung der französischen Abgeordnetenkammer von 1814 anspielt, bleibt dunkel. Auffallend ist, dass beide Seiten mit Leiden verbunden sind, vorwiegend von negativen Bildern geprägt. "Zur Rechten" ist eindeutig das traditionelle Frauenbild angesiedelt, mit "Tränengründen", "Mondscheinalleen", "Seufzerwinden", "Hirtin" und "Gänseblümchen" (nebenbei das, was in "Vor vierzig Jahren" als verlorenes Idyll gezeichnet wird). Während "zur Linken" das Rotlichtviertel winkt, mit "Diebslaternen", "Wüstling", "(d)er Sinne Bachanale", "Opfer" und den "Kränze(n) der Hetäre".

Die Autorin skizziert einen dritten Weg, allerdings nicht im Sinne eines Kompromisses, sondern im unbeirrten Beharren auf eigener Vernunftentscheidung, in Geradlinigkeit, den Geboten der "Natur" folgend. Wobei unklar bleibt, welche "Natur" hier gemeint sei - ein Bezug zu Rousseaus "guter" Natur ist zu vermuten. In ihrem weitgehend unbekannten Lustspiel "Perdu! oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe", wird Rousseau von einer der Personen, dem Dichter Theofried Willibald, namentlich genannt - in der 6. Szene. In einem Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843 versichert die Autorin "nie auf den Effect zu arbeiten, keiner beliebten Manier, keinem anderm (so - H.Sch.) Führer als der ewig wahren Natur durch die Windungen des Menschenherzens zu folgen, und unsre blasirte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken anzusehn".


An die Weltverbesserer
(1841/42)

Pochest du an - poch' nicht zu laut,
Eh du geprüft des Nachhalls Dauer.
Drückst du die Hand - drück nicht zu traut,
Eh du gefragt des Herzens Schauer.
Wirfst du den Stein - bedenke wohl,
Wie weit ihn deine Hand wird treiben.
Oft schreckt ein Echo, dumpf und hohl,
Reicht goldne Hand dir den Obol,
Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.
 
Höhlen giebt es am Meeresstrand,
Gewalt'ge Stalaktitendome,
Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand,
Und Kähne gleiten wie Phantome.
Das Ruder schläft, der Schiffer legt
Die Hand dir angstvoll auf die Lippe,
Ein Räuspern nur, ein Fuß geregt,
Und donnernd überm Haupte schlägt
Zusammen dir die Riesenklippe.
 
Und Hände giebts im Orient,
Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen,
In denen zwiefach Feuer brennt,
Als gelt' es Liebesglut zu zahlen;
Ein leichter Thau hat sie genäßt,
Ein leises Zittern sie umflogen,
Sie fassen krampfhaft, drücken fest -
Hinweg, hinweg! du hast die Pest
In deine Poren eingesogen!
 
Auch hat ein Dämon einst gesandt
Den gift'gen Pfeil zum Himmelsbogen;
Dort rührt' ihn eines Gottes Hand,
Nun starrt er in den Aetherwogen.
Und läßt der Zauber nach, dann wird
Er niederprallen mit Geschmetter,
Daß das Gebirg' in Scherben klirrt,
Und durch der Erde Adern irrt
Fortan das Gift der Höllengötter.

Drum poche sacht, du weißt es nicht
Was dir mag überm Haupte schwanken;
Drum drücke sacht, der Augen Licht
Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken.
Wirf nicht den Stein zu jener Höh'
Wo dir gestaltlos Form und Wege,
Und schnelltest du ihn einmal je,
So fall' auf deine Knie und fleh',
Daß ihn ein Gott berühren möge.


Entstanden ist der Text mit dem provozierenden Titel auf der Meersburg zwischen 30. September 1841 und Anfang Februar 1842. Am 26. März 1842 erschien er im "Morgenblatt" ("Morgenblatt für gebildete Leser" Nr. 73) unter dem Titel "Warnung an die Weltverbesserer", es folgten Wiederabdrucke unter dem gleichen Titel am 1. April 1842 in der "Kölnischen Zeitung" und am 4. April im "Westfälischen Merkur". Hermann Marggraff fügte das Gedicht dann mit der Quellenangabe "Morgenblatt" 1843 in seine Sammlung "Politische Gedichte aus Deutschlands Neuzeit. Von Klopstock bis auf die Gegenwart" ein. Erst in der Sammlung "Gedichte" von 1844 erhielt der Text den von der Autorin selbst gewählten kürzeren Titel.

Der Titel lässt eine kämpferische Polemik aus konservativer Gesinnung erwarten. Was dann jedoch kommt, klingt eher freundschaftlich-kollegial. Gleich die ersten beiden Zeilen geben den Ratschlag, beim "Pochen" (auf Rechte?) die Konsequenzen abzuwägen, heute würden wir von "Risikoabschätzung" sprechen. Es wird auch keineswegs davon abgeraten, einen "Stein" zu werfen, kein biblisches "wer von Euch ohne Schuld ist" wird zitiert. Sondern lediglich erneut gemahnt, die Konsequenzen zu erwägen (das "Echo"), sich zu fragen, ob nicht der eigene "Nachbar" daran zu Schaden kommen könne - die Nächsten, die Familie, die Freunde dürfen wir ergänzen.

Und dann erscheint in der zweiten Strophe ein überraschendes Bild von erschütterungsempfindlichen Höhlen am Meer, in denen ein falscher Laut Stalaktitenstürze bewirken könne, die den Unvorsichtigen selbst unter sich begraben. Die dritte Strophe warnt vor den falschen politischen Freunden, die einen "die Pest" (Droste-Hülshoff beschreibt die Beulenpest, sie sei im "Orient" angesiedelt, das könnte auf die 1841 gerade abgeschlossene Orientkrise anspielen) einbringen könnten, komme man ihnen zu nahe, gebe man ihnen die Hand.

Noch drastischer ist, was die Autorin in der vierten Strophe aus der Bilderkiste hebt. Ein Dämon habe einst einen giftigen Pfeil gen Himmel abgeschossen, ein Gott dann den Pfeil dort festgebannt. Sollte der Bann sich - durch ein falsches Wort, eine falsche Tat der Menschen? - lösen, falle der Pfeil auf die Erde und bringe das "Gift der Höllengötter". Nach der antiken Mythologie ist der Pfeil im Sternbild des Schützen von den Göttern dorthin gebannt. Löse er sich, sei das Weltende gekommen.

Doch trotz dieser bildstark beschworenen Gefahren empfiehlt die Autorin nicht, ganz auf das "Pochen" oder das politische Steinewerfen zu verzichten. Wie sie sich in "An die Schriftstellerinnen" keineswegs auf die Seite der Vertreterinnen des konservativen Frauenbildes schlägt, so will sie auch hier nicht politischer Veränderung grundsätzlich eine Absage erteilen. Behutsam müsse man nur vorgehen. Und sollte man doch einmal unvorsichtig gewesen sein, möge man um den Beistand eines Gottes flehen. Ein Schluss, der durchaus kühn die revolutionären Intellektuellen ihrer Zeit dem Schutz von Göttern empfiehlt!

Und offenkundig wurde das Gedicht von vielen Intellektuellen als fortschrittlich interpretiert. Die politisch stärker engagierte Freundin Elise Rüdiger, die 1852 mit ihrer Mutter zusammen Heinrich Heine in seinem Pariser Exil besuchen sollte, habe ihr von der ungünstigen Aufnahme des Gedichtes in Münster berichtet und "allerley verschleyerte Winke über 'Unverständlichkeit' und 'vernagelte Köpfe'" gegeben, schreibt Droste-Hülshoff in einem Brief an Schücking vom 27. Mai 1842. Im gleichen Brief kritisiert sie die "rein antirepublikanische() Tendenz" eines Stückes von Bernhard Mayer.

Am 26. April 1843 berichtet sie Schücking, Hermann Püttmann habe sie bei Elise Rüdiger für das Feuilleton der Kölnischen Zeitung vom Morgenblatt abwerben wollen. Püttmann war Sozialist und erwähnte Elise Rüdiger gegenüber seine sonstigen Mitarbeiter Freiligrath, Geibel, Gutzkow, König und Marggraf. In einem Brief vom 9. Mai 1843 an Rüdiger erklärt Droste-Hülshoff die grundsätzliche Bereitschaft, dem "Cölner Feuilleton" weitere Texte zur Verfügung zu stellen, der Freundin zuliebe: "ich möchte Ihnen gern Alles recht machen, wenn ich es nur träfe".

Die Haltung der Autorin selbst zu diesem Gedicht bleibt unbestimmt wie das Gedicht letztlich auch. In einem Brief an Schücking vom 5. Mai 1842 erwähnt sie in einem Klammerhinweis "N.B.", dass ihr "Gedicht 'an die Weltverbesserer'" bereits zweimal nachgedruckt worden sei und fragt sich bzw. Schücking, ob dies an der "Tendenz" liege oder ob es "so viel besser wie die Uebrigen" sei. Und in einem Brief vom 26. April 1843 berichtet sie dem Freund, dass Hermann Marggraf ihre "Warnung an die Weltverbesserer" in eine "Sammlung politischer Lieder"aufgenommen habe, und klagt kokett,  "so muß ich armes loyales Aristokratenblut da zwischen Herwegh, Hoffmann von Fallersleben et cet, paradiren. - Freiligrath und Geibel sind aber auch darin, so giebts doch gute Gesellschaft."



Dichters Naturgefühl
(1841/42)


Es war an einem jener Tage,
Wo Lenz und Winter sind im Streit,
Wo naß das Veilchen klebt am Hage,
Kurz, um die erste Maienzeit;
Ich suchte keuchend mir den Weg
Durch sumpf'ge Wiesen, dürre Raine,
Wo matt die Kröte hockt' am Steine,
Die Eidechs schlüpfte übern Steg.
 
Durch hundert kleine Wassertruhen,
Die wie verkühlter Spülicht stehn,
Zu stelzen mit den Gummischuhen.
Bei Gott, heißt das Spazierengehn?
Natur, wer auf dem Haberrohr
In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen
So manches Loblied dir geblasen,
Dem stell dich auch manierlich vor!
 
Da ließ zurück den Schleier wehen
Die eitle vielbesungne Frau,
Als fürchte sie des Dichters Schmähen;
Im Sonnenlichte stand die Au,
Und bei dem ersten linden Strahl
Stieg eine Lerche aus den Schollen,
Und ließ ihr Tirilirum rollen
Recht wacker durch den Äthersaal.
 
Die Quellchen, glitzernd wie kristallen, -
Die Zweige, glänzend emailliert -
Das kann dem Kenner schon gefallen,
Ich nickte lächelnd: »Es passiert!«
Und stapfte fort in eine Schluft,
Es war ein still und sonnig Fleckchen,
Wo tausend Anemonenglöckchen
Umgaukelten des Veilchens Duft.

Das üpp'ge Moos - der Lerchen Lieder -
Der Blumen Flor - des Krautes Keim -
Auf meinen Mantel saß ich nieder
Und sann auf einen Frühlingsreim.
Da - alle Musen, welch ein Ton! -
Da kam den Rain entlang gesungen
So eine Art von dummen Jungen,
Der Friedrich, meines Schreibers Sohn.

Den Efeukranz im flächsnen Haare,
In seiner Hand den Veilchenstrauß,
So trug er seine achtzehn Jahre
Romantisch in den Lenz hinaus.
Nun schlüpft er durch des Hagens Loch,
Nun hing er an den Dornenzwecken
Wie Abrams Widder in den Hecken,
Und in den Dornen pfiff er noch.
 
Bald hatt' er beugend, gleitend, springend,
Den Blumenanger abgegrast,
Und rief nun, seine Mähnen schwingend:
»Viktoria, Trompeten blast!«
Dann flüstert er mit süßem Hall:
»O, wären es die schwed'schen Hörner!«
Und dann begann ein Lied von Körner;
Fürwahr, du bist 'ne Nachtigall!
 
Ich sah ihn, wie er an dem Walle
Im feuchten Moose niedersaß,
Und nun die Veilchen, Glöckchen alle
Mit sel'gem Blick zu Straußen las,
Auf seiner Stirn den Sonnenstrahl;
Mich faßt' ein heimlich Unbehagen,
Warum? ich weiß es nicht zu sagen,
Der fade Bursch war mir fatal.

Noch war ich von dem blinden Hessen
Auf meinem Mantel nicht gesehn,
Und so begann ich zu ermessen,
Wie übel ihm von Gott geschehn;
O Himmel, welch ein traurig Los,
Das Schicksal eines dummen Jungen,
Der zum Kopisten sich geschwungen
Und auf den Schreiber steuert los!
 
Der in den kargen Feierstunden
Romane von der Zofe borgt,
Beklagt des Löwenritters Wunden
Und seufzend um den Posa sorgt,
Der seine Zelle, kalt und klein,
Schmückt mit Aladdins Zaubergabe,
Und an dem Quell, wie Schillers Knabe,
Violen schlingt in Kränzelein!
 
In dessen wirbelndem Gehirne
Das Leben spukt gleich einer Fei,
Der - hastig fuhr ich an die Stirne:
»Wie, eine Mücke schon im Mai?«
Und trabte zu der Schlucht hinaus,
Hohl hustend, mit beklemmter Lunge,
Und drinnen blieb der dumme Junge,
Und pfiff zu seinem Veilchenstrauß!


Auch dieser Text ist eine Frucht der "Dichterwette", geschrieben auf der Meersburg im Winter 1841/42, als Droste-Hülshoff dem geliebten Levin Schücking angekündigt hatte, jeden Tag ein Gedicht verfassen zu wollen. Erschienen ist es 1844 in der Sammlung "Gedichte" bei Cotta.

Im Duktus erinnert dieser Text an Christian Morgenstern (1871-1914). Inhaltlich entwirft er Grundzüge einer kritischen Poetologie der Naturlyrik. Er zeigt, wie andere Texte des Winters 1841/42, die erstaunliche Fortschrittlichkeit dieser Autorin - die noch immer gerne als Heide-Lyrikerin gehandelt wird, als nette alte Dame der deutschsprachigen Lyrik.

Gegen die romantisierende Naturidylle zeitgenössischer Gebrauchslyrik stellt sie hier die Mühe eines keuchenden "Dichters" (in früheren Fassungen hieß das Gedicht "Dichters Spatzirgang"), der sich seinen Weg durch eine wenig anheimelnde Landschaft sucht, voll mit Pfützen, die ihn an Spühlwasser ("Spülicht") erinnern.

Diesem prosaischen Blick auf die Natur gelten die ersten vier Strophen. Doch dann setzt sich der Dichter auf seinen Mantel und "sann auf einen Frühlingsreim". Und wir dürfen vermuten, dass er dabei nicht Reime zu "Spülicht" oder "keuchen" suchte. Und da hört und sieht er "eine Art von dummen Jungen", den er kennt, es ist der Sohn seines Schreibers. Von Droste-Hülshoff selbst wissen wir nur, dass auf der Meersburg ihre Schwester Jenny als "Schreiberin" fungierte.

Der Junge ist in poetischer Stimmung, schwärmt und singt und reimt und ärgert damit den "professionellen" Dichter, der dies lächerlich findet und seinen poetischen Konkurrenten gar bedauert: "welch ein traurig Los,/Das Schicksal eines dummen Jungen,/Der zum Kopisten sich geschwungen/Und auf den Schreiber steuert los!" Doch am Ende wendet sich die Ironie der Autorin gegen den Dichter selbst, der von einer Mücke gestochen wird und daraufhin hustend das Weite sucht. Dürfen wir hier auch eine ironische Selbstreflexion Droste-Hülshoffs lesen, die ihre eigenen Ausflüge in die Natur bisweilen auch wegen eines Hustenanfalls wird abgebrochen haben?

Texte wie dieser lassen auch im Blick auf die Literatur Droste-Hülshoffs die Frage legitim erscheinen, die Walter Gödden zu den Briefen der Autorin stellte, "was darf man (...) überhaupt glauben?" (Gödden 1991, S. 196). Wie ernst ist es der Autorin mit ihren widersprüchlichen Äußerungen zum Naturverhältnis, wie ernst ist es ihr mit der von ihr produzierten Literatur, von der sie doch einmal sagt, dass sie Gültigkeit auch und gerade für die Zukunft beanspruchen könne? Was kann gelten für Texte, die gleichsam am Fließband entstanden sind, mit lockerer Feder, voller ironischer Brechungen wie dieser?

Nun ist der Text dem Kapitel "Scherz und Ernst" eingestellt, damit schon signalisierend, dass wir mit Ironie zu rechnen haben. Aber ähnlich gestimmte Texte finden sich auch an anderen Stellen der Gedichtesammlung von 1844, so unter den "Zeitbildern", wenn es etwa um die Spendenaufrufe zum Bau des Kölner Domes geht, unter dem Titel "Die Stadt und der Dom. Eine Carricatur des Heiligsten".




Der zu früh geborene Dichter
(1841/42)


Acht Tage zählt' er schon, eh ihn
Die Amme konnte stillen,
Ein Würmchen, saugend kümmerlich
An Zucker und Kamillen,
Statt Nägel nur ein Häutchen lind,
Däumlein wie Vogelsporen,
Und jeder sagte: »armes Kind!
Es ist zu früh geboren!«
 
Doch wuchs er auf, und mit der Zeit
Hat Leben sich entwickelt,
Mehr als der Doktor prophezeit,
Und hätt' er ihn zerstückelt;
Im zähen Körper zeigte sich
Zäh wilder Seele Streben;
Einmal erfaßt - dann sicherlich
Hielt er, auf Tod und Leben.
 
In Büchern hat er sich studiert
Hohläugig und zu Schanden,
Und durch sein glühes Hirn geführt
Zahllose Liederbanden.
Ein steter Drang - hinauf! hinauf!
Und ringsum keine Palme;
So klomm er an der Weide auf
Und jauchzte in die Alme.

Zwar dünkt ihn oft, bei trübem Muth,
Sein Baldachin von Laube
So köstlich wie ein alter Hut,
Wie 'ne zerrissne Haube;
Allein dies schalt man »eitlen Drang,
Mit Würde abzutrumpfen!«
Und Alles was er sah, das sang
Herab vom Weidenstumpfen.

So ward denn eine werte Zeit
Vertrödelt und verstammelt,
Lichtblonde Liederlein juchheit
Und Weidenduft gesammelt;
Wohl fielen Thränen in den Flaum
Und schimmerten am Raine,
Erfaßte ihn der glühe Traum
Von einem Palmenhaine.
 
Und als das Leben ausgebrannt
Und fühlte sich vergehen,
Da sollt' wie Moses er das Land
Der Gottverheißung sehen;
Er sah, er sah sie Schaft an Schaft
Die heil'gen Kronen tragen,
Und drunter all die frische Kraft
Der edlen Sprossen ragen.

Und Lieder hört' er, Melodien,
Wie ihm im Traum geklungen,
Wenn ein Kristall der Gletscher schien,
Und Adler sich geschwungen;
Durch das smaragdne Riesenlaub
Sah er die Lyra blinken,
Und über sie gleich goldnem Staub
Levante's Aether sinken.
 
O, wie zusammen da im Fall
Die alten Töne schwirrten,
Im Busen die Gefangnen all
Mit ihren Ketten klirrten!
»Ha, Leben, Jahre! und mein Sitz
Ist in den Säulenwänden,
Auch meine Lyra soll den Blitz
Durch die Smaragden senden!«
 
Ach, arme Frist, an solchem Schaft
Mit mattem Fuß zu klimmen,
Die Sehne seiner Jugendkraft,
Vermag er sie zu stimmen?
Und bald erseufzt er: »hin ist hin!
Vertrödelt ist verloren!
Die Scholle winkt, weh mir, ich bin
Zu früh, zu früh geboren!«


Das Gedicht entstand zwischen 30. September 1841 und Anfang Februar 1842 auf der Meersburg.

Die erste Strophe konfrontiert uns mit einem Bild, das die nachfolgende Klage eines historisch zu früh geborenen Dichters in einer konkreten biologischen Frühgeburt begründet. In drastischer Weise geht die Autorin in der zweiten Strophe auch auf den Anatomie-Diskurs ein, "und hätt' er ihn zerstückelt" wäre dem "Doktor" dennoch keine korrekte Diagnose zur Überlebensfähigkeit des Frühgeborenen möglich gewesen. Die "wilde Seele" habe das Überleben geleistet, nicht Medizin.

Nun wissen wir: Annette von Droste-Hülshoff wurde als Siebenmonatskind geboren, und für die damalige Zeit grenzte es an ein Wunder, dass sie überlebte. Ihre Amme war Maria Catharina Plettendorf, der die Dichterin zeitlebens verbunden blieb und um deren Wohlergehen sie stets besorgt war. Bis zu ihrem Tod 1845 lebte die Amme im Rüschhaus der Familie, wo Droste-Hülshoff die meiste Zeit ihres erwachsenen Lebens verbrachte. Dieses biographische Detail wird hier zum Bild eines künstlerischen Dilemmas.

Der "Dichter" des Textes ist also historisch zu früh geboren, in einer der Dichtung feindlichen Zeit, die Droste-Hülshoff in ihren Briefen oft auch prosaisch beklagt, so etwa im poetologisch besonders interessanten Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843, wo sie "unsre blasirte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken" ansehen möchte.

Levin Schücking geht ausführlich auf die autobiographische Dimension dieses Gedichtes im Blick auf Droste-Hülshoffs Existenz und Selbstverständnis als Dichterin ein. In der Einleitung zur Werkausgabe von 1878 schreibt er: "In Beziehung auf ihr dichterisches Schaffen bemächtigte sich ihrer jetzt wohl ein melancholisches Gefühl, welches sie in ihrem Gedicht 'Der zu früh geborene Dichter' ausgesprochen hat." Levin Schücking gab allerdings nicht der Zeit, sondern der "ganz verkehrte(n), ganz aristokratische(n) Erziehung" Droste-Hülshoffs die Schuld daran, dass "alle ihre Talente" sich nicht entfalten konnten (s. Brief an Louise von Gall vom 11. Dezember 1842).

Es ist in der Tat auffallend, dass Droste-Hülshoff sich erst Ende der 1830er Jahre, sicherlich auch unter dem Einfluß der Freundin Elise Rüdiger und des Freundes Levin Schücking, von der Mutter emanzipierte, etwa zeitgleich auch von der religiösen Lyrik abwandte, mit dem Abschluss der Arbeit am Zyklus "Geistliches Jahr" 1840. 1841 erfolgte der Umzug auf die Meersburg. Auf der Meersburg entstand auch das Romanfragment "Bei uns zu Lande auf dem Lande". Darin erscheint die Ballade "Der Knabe im Moor" als Produkt eines "Wilhelmus", der in ländlicher Umgebung lebt und von dem gesagt wird, er könne mit seinem Talent "in einer günstigern Umgebung" Bedeutendes schaffen.

Für die neue Zeit ist der Dichter unseres Textes zu alt, er kann ihrer Literatur nicht mehr genügen. In der Forschung wurde die Frage, welche Dichter der Autorin denn als nicht (mehr) erreichbare Vorbilder galten, mit dem Verweis auf Ferdinand Freiligrath (1810-1876), insbesondere dessen orientalisierende frühe Lyrik, beantwortet (s. Wilhelm Kreiten, Droste-Werkausgabe Bd. 3, 1885, S. 174). Die Formulierung "zahllose Liederbanden" könnte auch auf das "Buch der Lieder" Heinrich Heines verweisen. Heine war allerdings im gleichen Jahr geboren wie Droste-Hülshoff.

Das der Zeit geläufige Motiv der "Palme" erscheint häufig bei Freiligrath, aber auch bei Heine im 33. "Lyrischen Intermezzo" im "Buch der Lieder" und im Text "Wo wird einst des Wandermüden" von 1839/40. Auf Emanuel Geibel (1815-1884) könnte der lyrische "Blitz" in der vorletzten Strophe verweisen, wir finden ihn in seinem Zyklus "Lieder aus alter und neuer Zeit". Und in seinem Gedicht "Aus Griechenland" begegnet uns gleichfalls das Motiv der Palme. Geibel und Freiligrath wurden von Droste-Hülshoff sehr geschätzt (s. Brief an Levin Schücking vom 26. April 1843), Heine scheint sie bewundert zu haben (s. Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843).

Doch bleibt die Frage, ob es hier tatsächlich um ein Generationenthema geht, oder nicht doch, wie Schücking andeutete, um eine Klage über verfehlte Möglichkeiten.




Kinder am Ufer
(1842)

O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke
Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?
O, das ist schön! hätt' ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch' mit dunkelroten Flecken,
Und jede Glocke ist frisirt so fein
Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.
Was meinst du, schneid' ich einen Haselstab,
Und wat' ein wenig in die Furth hinab?
Pah! Frösch' und Hechte können mich nicht schrecken. -
Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?
Ich geh, ich gehe schon - ich gehe nicht -
Mich dünkt, ich sah am Grunde ein Gesicht -
Komm, lass' uns lieber heim, die Sonne sticht!«


"Kinder am Ufer" ist Teil des Gedichtes "Der Weiher". Das Gedicht entstand Februar bis März 1842 auf der Meersburg. Es besteht aus einem einleitenden Zwölfzeiler und vier Einzelbildern, "Das Schilf", "Die Linde", "Die Wasserfäden" und "Kinder am Ufer". Während "Das Schilf" und "Die Linde" über ein referentielles Pronomen ("er") vom Kontext abhängig sind, können "Die Wasserfäden" und in besonderer Weise "Kinder am Ufer" für sich als Miniaturen stehen, "Kinder am Ufer" mit vierzehn Zeilen als kürzestes Gedicht der Autorin, die sonst eher zu weit ausschweifenden lyrischen Texten neigt.

Der Text ist dramatisch aufgebaut, mit einer Wechselrede der Kinder, bei der allerdings letztlich unklar bleibt, ob überhaupt verschiedene Kinder sprechen und nicht nur eines zum anderen ("du"). Der unterschiedliche Sprachduktus, einmal eher forsch, einmal eher zurückhaltend, lässt zwei Kinder vermuten, im Kontext der Zeit einen Jungen ("hätt' ich nur einen Stecken") und ein Mädchen ("jede Glocke ist frisirt so fein"). Dagegen spricht allerdings die Zeichensetzung, die eine solche Teilung nicht vornimmt, sondern eher den Eindruck vermittelt, im Kopfe eines Kindes ging diese Wechselrede vor sich.

Charakteristisch für die Autorin ist, dass auch in diesem unbeschwerten Kinderspiel am Weiher etwas Unheimliches erscheint, "der Wassermann" und "am Grunde ein Gesicht". Etwas, das den Ausflug jäh abbricht, "lass' uns lieber heim". Wobei allerdings nicht das Unheimliche als Grund des Heimkehrens benannt wird, sondern "die Sonne sticht".

In wenigen Zeilen gelingt der Autorin hier ein Text, der zentrale Themen und Bilder ihres lyrischen Werkes versammelt. In einem ihrer ersten Gedichte, "Unruhe" von 1816, heißt es zu Beginn "Lass uns hier ein wenig ruhn am Strande".


Mit Laura's Bilde
Im Namen eines Freundes
(1843)


Um einen Myrthenzweig sich zu ersingen
Schickt seinen Schwan Petrarka Laure'n nach,
Mit Lorbeerreisern füllt er das Gemach,
Doch kann er in den Myrthenhain nicht dringen.

Da zieht er durch die Welt mit hellem Klingen,
Schlägt mit den Flügeln an das theure Haus,
Man reicht ihm den Cypressenkranz hinaus,
Allein die Myrthe kann er nicht erringen.

Mein Freund, wohl ist der Lorbeer uns versagt,
Doch laß uns um den schnöden Preis nicht klagen,
Von Dornen und Cypressen rings umragt.

Will es in einer Laura Blick mir tagen,
Dann hab' ich gern dem schweren Kranz entsagt,
Die kleine Myrthe läßt sich leichter tragen.


Das Gedicht trug verschiedene Titel, "Im Namen eines Freundes", "Laura", "Stammbuchblatt mit Laura's Bildniß". Entstanden ist es zwischen 8. Mai und 19. November 1843. Für den Gedichteband von 1844 wurde es mit "An Henriette von Hohenhausen" zusammengefasst als "Stammbuchblätter". Das zweite Stammbuchblatt wurde tatsächlich in das Stammbuch der Tante Elise Rüdigers, Henriette von Hohenhausen, zum 31. Mai 1839 eingetragen, als die Adressatin von Münster abreiste. Die Zusammenfügung der beiden Texte bleibt rätselhaft. Bezogen ist der erste Text vermutlich auf Levin Schücking als "Freund". Damit bekäme er den Charakter eines Abschieds von der Beziehung zu Levin Schücking, der am 7. Oktober 1843 Louise von Gall geheiratet hatte.

"Mit Laura's Bilde" gibt uns eines der wenigen Sonette Droste-Hülshoffs und es ist zu vermuten, dass sie von seinem "poetischen Werth" so wenig hielt wie von dem des zweiten Stammbuchblattes, zu welchem sie an Elise Rüdiger am 8. Mai 1843 schreibt: "Ueber das, allerdings sehr flüchtig geschriebene, Stammbuchblatt lasse ich Ihnen ebenfalls freye Disposition, - es ist ansich ohne poetischen Werth". Ein zweites Sonett, die Widmung zum lyrischen Epos "Walther" an die "liebe Mutter", kann ganz gewiss nicht den Anspruch auf besonderen literarischen Wert erheben. Das Epos "Walther" wurde von der Mutter 1829 dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Christoph Bernhard Schlüter zur Beurteilung vorgelegt, der es "süßlich, leer, ja zum Teil affektiert" fand.

Nun ist allerdings Petrarca nicht einfach irgendwer, und ein Sonett mit Bezug auf Petrarca zu verfassen hat 1843 einen bestimmten Kontext. 1818/19 hatte Karl August Förster die erste umfassende Übersetzung des Canzoniere ins Deutsche vorgelegt. August Wilhelm Schlegel, der auch zahlreiche Sonette Petrarcas übersetzte, hatte Petrarca zum Startpunkt seiner Vorlesung "Geschichte der romantischen Literatur" ("Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst", 1803/04) gemacht und verdrossen von einer "Sonettwuth" seiner Zeit gesprochen. Heinrich Heines "Buch der Lieder" (1827) übernimmt zwar den Titel des Canzoniere, verzichtet aber für die Liebes-Lieder weitgehend auf die Sonettform - diese verwendet er nur für die Widmungsgedichte im Zyklus "Junge Leiden", unter anderem gerichtet an die Mutter, an A.W. Schlegel und an "H.S." wohinter sich Heinrich Straube, die Jugendliebe Droste-Hülshoffs, verbirgt! Freiligrath und Schücking verwenden die Sonettform für Scherzgedichte, Freiligrath u.a. zusammen mit Hans Karl Heuberger in der berühmt-berüchtigten "Sonettischen Eierschnur" im Sommer 1842 auf Louise von Gall, damals schon Braut Schückings, als "Gallina". Schücking antwortete mit einem bissigen Gegensonett.

Droste-Hülshoffs Haltung zu A.W. Schlegel ist bekannt: sie fand ihn fürchterlich. Heinrich Heine nennt sie in einem Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843 bedauernd "ganz verschollen" - die Freundin wird Heine dann 1852 zusammen mit ihrer Mutter in Paris besuchte. Über ihr Urteil zu Petrarca wissen wir nichts, wir wissen nicht einmal, ob sie ihn intensiv gelesen habe oder nur auf das Bildungswissen ihrer Zeit rekurriert mit den Verweisen auf Laura und Lorbeer. Sein Werk oder seine Persönlichkeit dürften sie nicht sonderlich  interessiert haben, sie lebte weitgehend in der Literatur der Gegenwart, sprach im Salon mit den Freundinnen und Freunden über eigene Texte der Anwesenden, über Freiligrath, George Sand und Balzac.

Das lyrische Ich zieht in diesem Text die Myrte als Symbol der Liebe dem Lorbeer als Symbol literarischen Ruhmes vor. Und dabei gibt es an, "Im Namen eines Freundes" zu handeln, zumindest für diesen mitzusprechen, mit diesem zu bekennen, dass Dichterruhm beiden versagt sei. Wie es indes um die Liebeserfüllung bestellt sei, bleibt offen. "Will es in einer Laura Blick mir tagen" verweist auf die Zukunft. Im Kontext des konventionellen Petrarkismus wäre das Ich damit männlichen Geschlechts.



Die Mergelgrube
(1844)


Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
Blau, gelb, zinnoberroth, als ob zur Gant
Natur die Trödelbude aufgeschlagen.
Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,
Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,
Als das Gerölle, gleißend wie vom Schliff
Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff
Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.
Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneus,
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
Gesprenkelte Porphire, groß und klein,
Die Okerdruse und der Feuerstein –
Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,
D e r sah den Strand, und d e r des Berges Kuppe;
Die zorn'ge Welle hat sie hergescheucht,
Leviathan mit seiner Riesenschuppe,
Als schäumend übern Sinai er fuhr,
Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,
Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,
Als dann am Ararat die Arche stand,
Und, eine fremde, üppige Natur,
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. –
Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,
Der mütterlichen sie gerissen sind,
In fremde Wiege schlummernd unbewußt,
Die fremde Hand sie legt wie's Findelkind.
O welch' ein Waisenhaus ist diese Haide,
Die Mohren, Blaßgesicht, und rothe Haut
Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!
Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!

Tief in's Gebröckel, in die Mergelgrube
War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;
Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,
Und horchte träumend auf der Luft Geharf.
Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall
Melodisch schwinde im zerstörten All;
Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,
Wenn brodelnd es in sich zusamm'gesunken;
Mir über'm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,
Als scharre in der Asche man den Funken.
Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor,
Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.

Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber, sah ich nicht; doch die Natur
Schien mir verödet, und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;
Ich selber schien ein Funken mir, der doch
Erzittert in der todten Asche noch,
Ein Findling im zerfall'nen Weltenbau.
Die Wolke theilte sich, der Wind ward lau;
Mein Haupt nicht wagt' ich aus dem Hohl zu strecken,
Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken,
Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte –
War ich der erste Mensch oder der letzte?

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –
Noch schienen ihre Stralen sie zu zücken,
Als sie geschleudert von des Meeres Busen,
Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.
Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,
Ich Petrefakt, ein Mammuthsknochen drinn!
Und müde, müde sank ich an den Rand
Der staub'gen Gruft; da rieselte der Grand
Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau
Wie eine Leich' im Katakomben-Bau,
Und mir zu Füßen hört ich leises Knirren,
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
Es war der Todtenkäfer, der im Sarg
So eben eine frische Leiche barg;
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt
Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
Zu einer Mumie ward ich versandet,
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,
Und auch der Scarabäus fehlte nicht.

Wie, Leichen über mir? – so eben gar
Rollt mir ein Bissusknäuel in den Schooß;
Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar –
Und plötzlich ließen mich die Träume los.
Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,
Am Himmel stand der rothe Sonnenball
Getrübt von Dunst, ein glüher Karniol,
Und Schafe weideten am Haidewall.
Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,
Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen,
Wie er bedächtig seinen Socken strickt.
Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.
"Ave Maria" hebt er an zu pfeifen,
So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen.
Er schaut so seelengleich die Heerde an,
Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.
Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle
Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle:

Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See,
Danach thu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh;
Wandl' ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,
Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein.

Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,
Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,
Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,
Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.

Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,
Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;
Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,
Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.

Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,
Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;
Er steckt' ihn an den Hut, und strickte fort,
Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.
Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf –
"Bertuchs Naturgeschichte"; les't ihr das? –
Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:
Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß!
Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,
Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;
Wär's nicht zur Kurzweil, wär es schlecht gehandelt:
Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.
Ich reichte ihm die Schieferplatte: "Schau,
Das war ein Thier." Da zwinkert er die Brau,
Und hat mir lange pfiffig nachgelacht –
Daß ich verrückt sey, hätt' er nicht gedacht! –



Droste-Hülshoff war eine begeisterte Sammlerin von fossilen Versteinerungen und Mineralien. Steinbrüche und Mergelgruben waren Orte, die sie häufig und gerne besuchte. "Die Mergelgrube" entstand Februar/März 1842 auf der Meersburg. Das eingeschobene Lied des Schäfers dürfte allerdings schon früher verfasst sein. Ursprünglich trug das Gedicht den Titel "Die Sandgrube". Veröffentlicht wurde es als siebter Text im Zyklus "Haidebilder" in der Sammlung "Gedichte" von 1844 bei Cotta.

Mit dem "Scheit" in der ersten Zeile ist ein Spaten gemeint, der eingesetzt wird, um Fossilien und Mineralien zu finden. Und diese Funde künden von Ereignissen, die im Gedicht zurückreichen bis in die Zeit vor der biblischen Sintflut und der Entstehung neuen Lebens danach. Den gebildeten Zeitgenossen und auch der naturkundlich interessierten Autorin war klar, dass die Befunde der Fossilienkunde auch den biblischen Schöpfungsmythos in Frage stellten.

Die dritte Strophe formuliert im Bild der Gesteine eine Vision von Völkergemeinschaft. "Findlinge" seien die Mineralien in der Mergelgrube, hergeschwemmt aus fernen Ländern, "Mohren, Blaßgesicht, und rothe Haut" seien einträchtig versammelt unter dem "braunen Kleide" des Mergel-Schlammes, allerdings allesamt "Waisen" - eine Zuschreibung, die wir auch auf das Ich des Textes beziehen dürfen.

In der vierten Strophe wird deutlich, dass sich das lyrische Ich in einer "Höhlenstube" befindet, nicht von außerhalb der Mergelgrube berichtet, nicht in Distanz und Überblick, sondern gleichsam im Erdinnern, einem geschätzten Aufenthalt romantischer Dichtung. Um dem scharfen Wind draußen zu entkommen, habe sie sich hierher zurückgezogen. Vor dem scharfen Wind der gesellschaftlichen Widersprüche in der Restaurationszeit? Vor den sich anbahnenden revolutionären Umbrüchen, verkörpert in ihrem direkten Umfeld in Levin Schückings Engagement für das "Junge Deutschland"? Die Windgeräusche sind so irritierend wie vieldeutig beschrieben, über der Höhlenstube sei ein "Geharf", "Geisterhall", "Zischen", "Rispeln" und "Schaffen" - zugeordnet sind diesen Geräuschen die Bilder "zerstörtes All", "Moores Klaffen", "Asche" und "Funken".

Darin nur eine Naturbeschreibung zu lesen, wäre sicherlich verfehlt. "Ihr Realismus ist in Wahrheit eine Chiffrierung der Natur, und jeder Vers verrät die Suche nach der signatura rerum, nach dem geheimen Namenszug, der hinter den Spiegel der Dinge führt." So schreibt Gert Ueding in seinem Essay "Lust, die das Böse weckt: Die Droste sah hinter die Dinge" in der Tageszeitung "Die Welt" vom 04. Januar 1997.

In der zentralen fünften Strophe wird deutlich, wie die Chiffren der Mergelgrube dem Ich zugeordnet sind. Insbesondere bezeichnet es sich hier selbst als "Findling" - und somit Waise. Und noch präziser werden hier die katastrophischen Bilder der Welt "drüber". Die Natur scheint "verödet", die Erde "mürbe, ausgebrannt". Und das Bild des Funkens in der Asche wird nun bezogen auf das Ich selbst. Damit kommt es zu einer sehr engen Verschränkung von innerer Welt des Ich und äußerer Welt, wie das Ich sie wahrnimmt, ein "Findling im zerfall'nen Weltenbau". Der Zerfall birgt allerdings auch Neuanfang, und das Ich weiß nicht, gehört es als "letzter" Mensch zum Verfallenden oder als "erster" Mensch zur Erneuerung.

Urzeitliche Medusen erscheinen, eingeprägt in Schiefer. Und das Ich sieht sich selbst schon als "Petrefakt", von einer untergehenden Welt in Schieferplatten gepresst in den Tiefen der Mergelgrube, versteinert vom Blick auf diese Medusen, denen die Kraft der gleichnamigen griechischen Gorgone zu eigen scheint. Von der griechischen Mythologie schweift das Ich dann zur ägyptischen, ein Skarabäus erscheint, das Ich sieht sich zur Mumie gewandelt.

Und dann meldet die doch noch nicht untergegangene äußere Welt sich wieder, ein Wollknäuel rollt zur Fossiliensucherin, sie schaut nach draußen, sieht die untergehende Sonne, sieht Schafe und einen strickenden Schäfer. Er pfeift ein "Ave Maria" und singt dann ein Liebeslied. Und er hat ein Buch bei sich liegen, das zeitgenössisches naturkundliches Wissen populär zusammenfasst, "Bertuchs Naturgeschichte". Allerdings wohl nur zur Unterhaltung, denn der Hirte glaubt nicht, was dort geschrieben steht, glaubt nicht an Fossilien und hält das Ich für "verrückt", als es ihm die Versteinerung der Medusen zeigt und behauptet, das sei ein Tier gewesen.




Das Ich der Mittelpunkt der Welt
(1844)

Jüngst hast die Phrase scherzend du gestellt:
„Wer Reichthum, Liebe will und Glück erlangen,
Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt,
Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.“
Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Thür:
Die Inschrift draußen und das Volksgedränge,
Doch durch die Spalten blinkt der Lampen Zier,
Ziehn Opferduft und heilige Gesänge.

Wie könnte jemals wohl des Glückes Born
Aus andrem als aus dem eignen Herzen fließen,
Aus welcher Schale wohl des Himmels Zorn
Als aus der selbstgebotnen sich ergießen!
O glücklich seyn, geliebt und glücklich seyn -
Möge mein Engel mir die Pfade deuten!
Da schwillt des Tempels Vorhang, zart und rein
Hör’ ich’s, wie Echo durch die Falten gleiten.

Standest an einem Krankenbett du je
Nach wochenlangen selbstvergessnen Sorgen,
Hobst deine schweren Wimper in die Höh
Zu einem Dankgebete nach dem Morgen,
Und sahst um des Genesenden Gesicht
Ein neuerwachtes Seelenschimmern schweben
Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht
Ihn Freund und nicht Geliebte können geben?

Hieltest du je den Griffel in der Hand
Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen
Die Groschen, die du selber dir entwandt,
Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen
Des Schatzes für den fremden Sorgenpfühl,
Um den du deine Freuden schlau betrogen,
Und hast in deines Reichthums Vollgefühl
Tief, tief den Odem in die Brust gesogen?

Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt
Ob theurem Haupte mit bewegtem Segen,
Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt,
Um freudig an das fremde es zu legen:
Hast du ihn je erlebt und standest dann,
Die Arme still und freundlich eingeschlagen,
Selig berechnend, welche Früchte kann,
Wie liebliche das neue Bündniß tragen?

Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich,
Ein Fels, an dem sich alle Blitze spalten,
Dann mag dein Kranz verwelken, mögen bleich
Krankheit und Alter dir die Stirne falten;
Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt,
Der Kreis, aus dem die Freudenstrahlen quillen,
Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt,
Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen!


"Das Ich der Mittelpunkt der Welt" gehört zu einem Konvolut von zehn bis zwölf Gedichten, das die Autorin dem Freund Levin Schücking bei seiner Abreise von der Meersburg am 30. Mai 1844 mitgegeben hat. Es erschien am 10. August 1844 im "Morgenblatt", dann im gleichen Jahr in der Anthologie "Deutsches Dichterbuch" von Ludwig Bechstein. Es ist sicherlich kein großartiges Gedicht unter ästhetischen und formalen Gesichtspunkten. Doch es ist ein gehaltvoller Beitrag zu einer Philosophie des Ich, der über die strukturellen Beschränkungen des Deutschen Idealismus hinausreicht und einer soziologische Begründung der Ich-Konstitution, wie sie später von George H. Mead unternommen wurde, vorgreift.

Dem lyrischen Ich wurde von einem Freund - wir dürfen hier Levin Schücking hören - "scherzend" empfohlen, sich zum Mittelpunkt der Welt zu machen, wenn es denn Liebe, Glück und Reichtum erstrebe. Schücking selbst schreibt später in seinem "Lebensbild" der Autorin 1862, dass Droste-Hülshoff der Verführung des Dichterseins, das Ich zum Mittelpunkt der Welt zu machen, "dies in Opposition mit dem Hergebrachten und Bestehenden zu setzen", nicht erlegen sei. Vielmehr habe sie sich "von einem rein ethischen Feuer durchströmt" gezeigt und mit ihrer "lyrischen Begabung" einen "inneren Drang der Selbstverleugnung jeder Art von Pflicht gegenüber verbunden". Das Ich des Gedichtes sieht in der zitierten "Phrase" gleichsam eine "Inschrift" für das einfache Volk am Tor eines Tempels. Wolle man die Wahrheit dieses Spruches begreifen, müsse man jedoch in den Tempel schauen, wo "Opferduft" und "heilige Gesänge" ihren Ort haben.

Und die Botschaft des Tempels innen hat nichts zu tun mit der Egozentrik, dem Solipsismus, den der Spruch außen am Tor prima vista zu meinen scheint als Weg zu Reichtum und Glück. Epikur nahestehend wird vielmehr erklärt, dass Glück nicht aus äußeren Ereignissen komme, sondern lediglich "aus eignem Herzen fließen" könne.

Nicht egozentrisches Geprange, sondern soziales Mitgefühl, Freundschaft, Opferbereitschaft im Dienst für einen Kranken machen in diesem Text das Ich zum Mittelpunkt der, nämlich seiner, Welt. Dass die Autorin selbst sich sozial in ihrem Umkreis engagierte, ist bekannt. Sie stand selbst häufig am Krankenbett von anderen, versorgte diese - war aber auch selbst dieser Hilfeleistung oft bedürftig. Was sie hier in diesem Gedicht gestaltet ist also keine abstrakte moralische Maxime, sondern baut auf eigener zwischenmenschlicher Erfahrung.

Lesen wir etwa, was die Autorin in einem Brief vom 2. August 1844 aus der Meersburg an den fünf Jahre älteren Onkel August von Haxthausen über zwei Personen schreibt, die in ihrem Umkreis leben: "Meine Haupt-Liebschaft hier (...) ist ein allerliebstes altes Jüngferchen in Constanz, Lottchen Ittner, (...) sie hat ein Gesichtchen, worin die Güte förmlich festgetrocknet ist, und bringt ihre Zeit damit hin, Kranken oder sonst verlassenen alten Leuten vorzulesen, - die Zeitungen, wenns nicht anders seyn kann, obwohl ihr diese in den Tod zuwider sind. - Meine zweyte Liebe (...) ist der Provisor in der Apotheke meinem Thurm gegenüber, auch ein kleines, grauköpfiges Wurzelmännchen, das aus bloßer Treue schon der vierten Generation derselben Familie dient, obwohl im zehnmal bessere Stellen gebothen sind - jetzt einen schlimmen Herrn hat, der die Armen drückt, und nun aus seinem armen dünnen Provisorbeutel den Leuten das Geld zusteckt womit sie seinen Herrn bezahlen".


Der Knabe im Moor
(1841/42)

O schaurig ist’s über's Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Haage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran als woll’ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodey;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth:
,,Ho, ho, meine arme Seele!’’
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär nicht Schutzengel in der Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählig gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick;
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig wars in der Haide!


Keine Beispielsammlung zum Werk Droste-Hülshoffs kann darauf verzichten, die Ballade "Der Knabe im Moor" mit aufzunehmen. Gilt sie doch als eine der "Musterballaden" der deutschen Balladendichtung. Geschrieben wurde der Text auf der Meersburg zwischen 30. September 1841 und Anfang Februar 1842. Er erschien erstmals 1842 im "Morgenblatt", dann 1844 in "Gedichte", dort im Gedichtzyklus "Haidebilder". Bis 1843 verzeichnete Droste-Hülshoff den Text unter dem Titel "Der Knabe im Rohr". Sie selbst hat ihn nicht ihren Balladen zugeordnet. Das geschah erstmals durch Ignaz Hub 1846 ("Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter").

Ihre Beliebtheit verdankt die Ballade gewiss nicht außerordentlicher literarischer Qualität, sondern ihrem Sujet, das dem Erlkönig verwandt ist, und den einprägsamen, im Alltagsgebrauch einst höchst zitierfähigen Merksätzen wie "O schaurig ist's übers Moor zu gehn".

Gruselig geht es zu, zahlreiche Figuren des münsterländischen Aberglaubes und der münsterländischen Kriminalgeschichte erscheinen, um dem Knaben einen gehörigen Schrecken einzujagen. 1845 wurde der Drostesche Text "Westphälische Schilderungen aus einer westphälischen Feder" in "Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland" veröffentlicht. Darin berichtet die Autorin: "Die häufigen Gespenster in Moor, Haide und Wald sind arme Seelen aus dem Fegfeuer, deren täglich in vielen tausend Rosenkränzen gedacht wird". Und sie nennt die "Sonntagsspinnerin", den "diebische(n) Torfgräber" und den "kopflose(n) Geiger". Ähnliche Figuren erscheinen hier im Text in den Strophen Zwei bis Vier. Dazu gesellt sich die "verdammte Margreth" - es könnte sich um die "Spinnmargrete" handeln, die im Münsterland ihr Unwesen trieb. Diese Figuren kannte Droste-Hülshoff sicherlich bestens aus der Sammlung ihres Vaters, der sich den Überlieferungen zu Geistererscheinungen gewidmet hatte.

Der Knabe ist auf dem Weg nach Hause - vermutlich von der Schule, denn er hält eine "Fibel" fest, ein Schulbuch für die Kleinsten. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass der Knabe diesen Weg täglich nehme, täglich dem Versinken im Moor als Gefahr ausgesetzt sei. Doch seien wir nicht zu streng mit diesem Text, der wohl in erster Linie schaurig-schön unterhalten möchte, nicht zu genau gedeutet werden.

Im Romanfragment "Bei uns zu Lande auf dem Lande", gleichfalls auf der Meersburg geschrieben, erscheint die Ballade im dritten Kapitel als Produkt eines "Wilhelmus", der in ländlicher Umgebung lebt und von dem angedeutet wird, er könne mit seinem Talent "in einer günstigern Umgebung" Bedeutendes schaffen. Was dann zurückgenommen wird mit der Aufforderung "bleib in deiner Haide, laß deine Phantasie ihre Fasern tief in deine Weiher senken".

In der Forschung wird darauf hingewiesen, es ginge in dieser Ballade auch um das Verhältnis Natur-Mensch in der Übergangszeit zur technischen Gesellschaft, die all das Gruselige dann auslöschen, Moore trockenlegen, die Wildnis zügeln und das Dunkel zunächst mit Gaslicht, dann mit elektrischem Licht erleuchten wird.

Als Vorbild diente vermutlich das 1837 im "Westfälischen Merkur" veröffentlichte Gedicht von einem unbekannten Autor mit dem Kürzel "B.H.", "Der Heidemesser".


Abschied von der Jugend
(1841/42)

Wie der zitternde Verbannte
Steht an seiner Heimath Gränzen,
Rückwärts er das Antlitz wendet,
Rückwärts seine Augen glänzen,
Winde die hinüber streichen,
Vögel in der Luft beneidet,
Schaudernd vor der kleinen Scholle,
Die das Land vom Lande scheidet;

Wie die Gräber seiner Todten,
Seine Lebenden, die süßen,
Alle stehn am Horizonte,
Und er muß sie weinend grüßen;
Alle kleinen Liebesschätze,
Unerkannt und unempfunden,
Alle ihn wie Sünden brennen
Und wie ewig offne Wunden;

So an seiner Jugend Scheide
Steht ein Herz voll stolzer Träume,
Blickt in ihre Paradiese
Und der Zukunft öde Räume,
Seine Neigungen, verkümmert,
Seine Hoffnungen, begraben,
Alle stehn am Horizonte,
Wollen ihre Thräne haben.

Und die Jahre die sich langsam,
Tückisch reihten aus Minuten,
Alle brechen auf im Herzen,
Alle nun wie Wunden bluten;
Mit der armen kargen Habe,
Aus so reichem Schacht erbeutet,
Muthlos, ein gebrochner Wandrer,
In das fremde Land er schreitet.

Und doch ist des Sommers Garbe
Nicht geringer als die Blüthen,
Und nur in der feuchten Scholle
Kann der frische Keim sich hüten;
Ueber Fels und öde Flächen
Muß der Strom, daß er sich breite,
Und es segnet Gottes Rechte
Uebermorgen so wie heute.


"Abschied von der Jugend" ist eine der weniger bekannten Balladen der Autorin. Sie ist im Gehalt eine ihrer reifsten Balladen, weist allerdings deutlich formale Schwächen auf. Geschrieben wurde sie 1841/42 auf der Meersburg, während des Zusammenseins mit Levin Schücking. Veröffentlicht wurde sie 1844 in der voluminösen Gedichtesammlung mit dem lakonischen Titel "Gedichte von Annette Freiin von Droste-Hülshof" bei Cotta.

Der Begriff "Ballade" geht zurück auf die mittelalterliche Trobadourdichtung mit ihrer urspünglichen Bindung an den Tanz ("ballare"), Form und Inhalt haben im deutschsprachigen Raum Vorgänger in den germanischen Heldenepen und im Bänkelsang des Barock. Die moderne Ballade wird im 18. Jahrhundert geprägt, im Kontext der Aufklärung. Sie hat einen Höhepunkt im sogenannten "Balladenjahr" 1797, als Goethe ("Der Schatzgräber", "Der Zauberlehrling") und Schiller ("Der Taucher", "Der Handschuh") bedeutende Beiträge zur Balladenkultur veröffentlichten. Kennzeichnend ist der erzählende Charakter dieser Lyrikform, verbunden mit einem dramaturgischen Aufbau. Annette von Droste-Hülshoff war sicherlich eine der bedeutendsten Balladen-Dichterinnen deutscher Sprache. Als vorbildlich gilt ihre Ballade "Der Knabe im Moor" (1842), die zum Kanon des Deutschunterrichts gehört und deren Nähe zu Goethes "Erlkönig" aus dem Jahr 1782 unverkennbar ist.

"Abschied von der Jugend" deutet bereits vor auf die ethisch-erzieherisch ausgerichteten Balladen Bertolt Brechts, mit weitgehendem Verzicht auf dramatische Gestaltung. Heute nennt man das, worum es in dieser Ballade geht, "Midlife crisis", bei Ingeborg Bachmann ist es "das dreißigste Jahr". Bei Annette Droste-Hülshoff heißt es noch, wir sind im 19. Jahrhundert, "Abschied von der Jugend". Es mag irritieren, dass dieser Text nach dem 40. Geburtstag der Autorin erst geschrieben wurde - zumal wenn wir uns von Karen Duve zur Annahme verführen lassen, die Autorin sei früh gealtert und eine Frau auch ihres Standes habe in jener Zeit schon mit 30 Jahren als "alt" gegolten. Doch erinnern wir uns, dass Annette von Droste-Hülshoff mit dem 18 Jahre jüngeren Levin Schücking von November 1839 bis Anfang April 1842 zunächst im Rüschhaus, dann in Meersburg eine bisweilen unbeschwerte und zumindest von ihrer Seite auch offenkundig erotisch aufgeladene Zeit verbracht hatte.

Das Gedicht ist dreigeteilt im Aufbau. Die ersten beiden Strophen gehören dem "Verbannten", der die Heimat zurücklässt. Sein Schicksal gibt die Bilder ab zu einem Vergleich, markiert durch ein "wie-so", ein umgestelltes "so-wie", mit einem anderen "er", das in den Strophen Drei und Vier seltsam unbestimmt bleibt, auch geschlechtlich. Eingeführt wird es als "ein Herz voll stolzer Träume", gegen Ende erscheint es in einer Apposition zum "er" als "Wandrer". Die fünfte und letzte Strophe antwortet dem "wie-so" mit einem entschiedenen "und doch". Sie wendet sich versöhnend einer Zukunft zu, die mit positiven Sommerbildern anknüpft an die traditionelle Verbindung von Jugend und Frühling. Und weiter noch als zum Sommer weisen die beiden letzten Zeilen mit dem eher formelhaft angefügten Spruch "Und es segnet Gottes Rechte/Übermorgen so wie heute."

Dem Verbannten zugeordnet sind als das, was er zurücklässt, die Bilder "Heimat", "Grenze", "Gräber", "Liebesschätze". Dem Wandrer/Herzen zugeordnet sind "Jugend", "Scheide", "Neigungen", "Hoffnungen". Beiden Bereichen gemeinsam ist das Bild der "Wunden" in den Strophen Zwei und Vier. Diese Bild wird in der fünften Strophe gewendet zu "nur in der feuchten Scholle/Kann der frische Keim sich hüten".


Ledwina (1820-1826)

Sarah Kirsch nannte dieses Buch "ein Geschenk des Himmels", als es ihr 1973 in einer Volkseigenen Bibliothek der DDR unter die Hände kam. "Ledwina" war Fragment geblieben und erst aus dem Droste-Nachlass veröffentlicht worden. Annette von Droste-Hülshoff hatte daran zwischen Spätherbst 1820 und Winter 1826/27 gearbeitet. Schon in einem Brief an Anna von Haxthausen vom 4. Februar 1819 erwähnt Droste eine Novelle, die sie geplant habe, über eine "zarte überspannte Zehrungsperson", die an Schwindsucht sterbe. Allerdings habe sie dann in der Leihbibliothek gleich vier solcher Novellen gefunden und nun diesen Plan aufgegeben, da sie in ihrem Leben "nicht gern das Dutzend voll gemacht" habe. "Ledwina" dürfte der Versuch sein, diese Novelle dann doch noch zu schreiben.

Der Roman ist handlungsarm, geprägt durch Dialoge im Kreis einer Familie, der westfälischen Adelsfamilie von Brenkfeld, die in den Grundzügen der Familienkonstellation Droste-Hülshoffs nachgezeichnet ist. Eine dominierende Mutter mit konservativen Ansichten, ein Sohn mit fortschrittlichen Ansichten und dem Anspruch auf die Funktion als Familienoberhaupt, drei Töchter, von denen nur die beiden älteren genauer gezeichnet sind, die selbstlose Therese und die künstlerisch begabte, kränkelnde Ledwina. Neben den Gesprächen zwischen Mutter und Sohn sowie zwischen den beiden älteren Schwestern bestimmen noch die Träume und Visionen Ledwinas den Roman.

Der Name der Romanheldin verweist auf die heilige Lidwina von Schiedam, die Schutzpatronin der Kranken, die fünfzehnjährig auf dem Eis stürzte und sich ein lebenslanges Leiden zuzog, mit eigenartigen blutenden Wunden, die als Stigmata gedeutet wurden. Biographisch zu erinnern ist daran, dass Annette von Droste-Hülshoff durch einen Sturz der Mutter auf dem Eis zu früh geboren wurde.

Die Handlung bezieht sich auf Begegnungen und symbolstarke Erlebnisse Ledwinas, die allesamt um die Themenbereiche Tod, Märtyrertum und Wahnsinn kreisen. Familiengäste erzählen gleichsam flankierend Anekdoten und Reisebegegnungen, die überwiegend von verstummten und vom Wahnsinn gezeichnete Frauen handeln, wobei häufig auch religiöse Motive und problematische Partnerbeziehungen beteiligt sind.

Formal und in der thematischen Konzentration verweist der Text auf die Romantik. Brentanos Arbeit über Anna Katharina Emmerick bietet sich an als Referenz. In der psychologischen Durchdringung der Figur und der schier akribischen Sammlung von Fallstudien, die auf soziale Bedingungen und problematische Geschlechterverhältnisse als mögliche Konditionen von Wahnsinn verweisen, ist der Roman jedoch schon weit über die Romantik hinaus geschrieben.



Perdu! oder Dichter, Verleger, und Blaustrümpfe (1840)

Als Dramatikerin konnte Annette von Droste-Hülshoff nicht reüssieren. 1840 entstand, wohl auf sanften Druck der Familie, ein Lustspiel zum Literaturbetrieb in einem Akt und 14 Szenen, das allerdings erst 1982 aus dem Nachlass veröffentlicht und 2017 vom Laientheatern Havixbeck zum 220. Geburtstag der Autorin aufgeführt wurde. Im Nachlass befinden sich weitere dramatische Arbeiten aus der Jugendzeit, ein Manuskriptblatt zu einem Stück mit dem Titel "Hedwig und Sophie oder Verzweiflung und Rache" (1812/13), das unvollendete Trauerspiel "Bertha oder die Alpen" (1813/14), vier Szenen zu einem Schelmenstück mit dem Titel "Das Räthsel oder Wie viele Pfund Freyer gehen auf 1 Pfund Nehmer" und das Stegreifstück "Scenen aus Hülshoff" (1814).

Die Personen des Einakters "Perdu!" sind der Buchhändler und Verleger Wilhelm Speth, seine Frau Clara "Frenzchen", seine Tochter Ida, die Schriftsteller Theofried Willibald (Dichter "Minimi moduli", nach Herbert Kraft mit Zügen von Wilhelm Junkmann) und Friederich Sonderrath ("Poeta laureatus", Züge von Ferdinand Freiligrath), der Rezensent Seybold (Züge von Levin Schücking) und die Schriftstellerinnen Claudine Briesen (Züge von Louise von Bornstedt), Frau von Austen (Züge von Henriette von Hohenhausen) und Anna von Thielen (Züge der Autorin). Ort des Geschehens ist die Buchhandlung Speth. Als "Blaustrümpfe" werden im Personenverzeichnis und im Stück selbst alle drei Schriftstellerinnen bezeichnet, auch von Frauen. Es wäre daher zu kurz gegriffen, anzunehmen, es gehe dem Stück lediglich um eine Kritik am männlich dominierten Literaturbetrieb. Hingewiesen wurde auch darauf, dass die literarisch engagierte Runde in der Buchhandlung vom Salon Elise Rüdigers in Minden inspiriert wurde, an dem Droste-Hülshoff, Schücking, Junkmann und Bornstedt teilgenommen haben.

Der Buchhändler Wilhelm Speth würde gerne Texte seiner Frau verlegen, die er für talentierter hält als seine "Blaustrümpfe": "ich weiß auch nicht warum grade nur die Langweiligen schreiben, es gibt doch mitunter welche, zum Beispiel meine Frau, wo sich Geld daraus pressen ließe wie Heu". Theofried Willibald dagegen hält grundsätzlich wenig vom weiblichen Schreiben, "die sollen bei ihrem Strickstrumpfe bleiben". Von Ida Speth, die in ihn verliebt ist, bekommt er - zusammen mit einer Stickerei - das ihn höchst irritierende Kompliment, seine Verse seien "so als wenn sie allenfalls von einem Frauenzimmer herrühren könnten". Und dann muss er noch von Claudine Briesen erfahren, dass seine und ihre Gedichte oft verwechselt würden.

Zu Beginn des Stückes rechnet Speth seine Gewinne und Verluste auf, seine Frau kommt und holt sich Haushaltsgeld und dann besucht ihn einer seiner Autoren, der gerade im von Speth verlegten "Abendblatt" eine schlechte Rezension erhalten hat. In diesem Stile entwickelt sich das Stück fort, bis Speth gegen Ende eine Autorin verliert, da er Umarbeitungen von ihr erwartet. Diese Autorin, Anna Freyinn von Thielen, zeigt am ehesten Züge von Droste-Hülshoff. In der 14. und letzten Szene zieht unter Trikolorefarben der Dichter Sonderrath davon, in dessen Werk Speth bereits 5000 Taler investiert hat, vor allem für Stahlstiche, ohne indess eine Zeile Text erhalten zu haben, die Investition ist "Perdu!"



Die Judenbuche (1842)

Aus guten Gründen gehört dieses Werk zur Standardlektüre im Deutschunterricht. Sprachlich, literarisch-handwerklich, gedanklich und in seinem sozialhistorischen Gehalt kann die Novelle "Die Judenbuche" gleichermaßen überzeugen. Der (erst vom Redakteur Hermann Hauff gewählte) Titel benennt das Dingsymbol (vgl. Paul Heyses "Falkentheorie"), welches den zentralen Konflikt der Novelle repräsentiert: eine Buche, an der ein Mord geschieht und Jahrzehnte später ein Selbstmord, der in der Forschung weitgehend als Sühne für den Mord gedeutet wird. Unzweifelhaft gehört die Novelle auch prägend zur Frühgeschichte des modernen Kriminalromans.

Die Geschichte spielt in einem abgelegenen westfälischen Bauerndorf mit teilweise kleinstädtischen Strukturen, in einer autarken Lebensgemeinschaft weitab von obrigkeitlichem Zugriff. Einige Züge erinnern an - uns historisch näher liegende - sizilianische oder nordalbanische Dorfstrukturen, mit eigener ungeschriebener, aber doch bindend gültiger Gesetzlichkeit. Erste Notizen zur Novelle stammen vom Anfang der 1820er Jahre. 1837 erwähnt die Autorin "eine Criminalgeschichte", an der sie arbeite. Der Stoff geht zurück auf eine Erzählung August von Haxthausens (Halbonkel der Autorin), "Geschichte eines Algierer-Sklaven" von 1818 (veröffentlicht in der "Wünschelruthe" von Heinrich Straube), die auf einer historischen Begebenheit basiert, die 1783 vor dem Haxthausenschen Patrimonialgericht in Abbenburg verhandelt wurde. Publiziert wurde die Novelle auf Vermittlung Schückings 1842 in Cottas "Morgenblatt für gebildete Leser" als Fortsetzungsgeschichte. Diese Publikation fand wenig Resonanz in Rezensionen, machte die Autorin jedoch überregional bekannt.

Auftakt des Geschehens bei Annette von Droste-Hülshoff ist ein Holzfrevel, ein Motiv, das in den historischen Vorlagen und in der Novelle ihres Onkels nicht erscheint. Dieser Holzfrevel führt uns mitten hinein in die Sozialgeschichte des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, als in Deutschland weite Teile ursprünglichen Gemeinbesitzes, insbesondere an Wald, in grundsherrlichen Privatbesitz übergingen und dieser Privatbesitz durch ein neu aufgestelltes Heer an Förstern gesichert wurde. Dies trug wesentlich zur Verarmung großer Bevölkerungsgruppen bei und zur Entstehung regional neuer Kriminalitätsformen wie Holzfrevel und Wilderei. Die Familie von Haxthausen, Annette von Droste-Hülshoffs unmittelbare Verwandtschaft der mütterlichen Seite, verdankte einen Gutteil ihres Reichtums ihrem Privatbesitz an Wald. Dabei kam es unter anderem zu Streitigkeiten mit der Gemeinde Bredenborn, die 1848 geschlichtet wurden - gegen eine Zahlung von 3250 Talern durch die Familie Haxthausen, die ganz offenkundig im großen Stil selbst "Holzfrevel" verübt hatte. Auch wenn dies selbstredend nicht so genannt wurde.

In der Novelle "Die Judenbuche" bezieht die Autorin nach Auffassung der Forschung (Kraft 1987, Mecklenburg 2008) eindeutig die Position der Bevölkerung gegenüber der Gutsherrschaft. Auch wenn dies erst bei genauer Lektüre deutlich wird, etwa in der Ausdeutung des Urteils, dass "nichts seelentödtender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen". Diese Formulierung greift einen Ansatz auf, mit welchem die feudalen Strukturen im 19. Jahrhundert gegen die Rechtsauffassungen der Aufklärung verteidigt wurden. Hier wird dieser Ansatz jedoch eindeutig dazu verwendet, das Rechtsgefühl der Bevölkerung "im Dorfe B." (dürfen wir hier "Bredenborn" lesen?) gegen das "äußere Recht" der "Gutsbesitzer, denen die niedere Gerichtsbarkeit zustand" zu legitimieren. Halten wir uns vor Augen, dass Annette von Droste-Hülshoff unter ganz ähnlichen Bedingungen schrieb, wie die Autoren etwa der DDR. Unter den Bedingungen beständiger Kontrolle und Zensur - in ihrem Falle durch die eigene Familie und das noch immer gesellschaftsprägende Feudalsystem in Westfalen. Dies ging bis hinein in ihre zahlreichen Briefwechsel, die so sehr öffentlich kontrolliert wurden, dass die Autorin wiederholt beklagte, nicht offenherzig schreiben zu dürfen - ja, bisweilen dazu überging, dem "offiziellen" Brief ein geheimes Beiblatt beizulegen. Wir dürfen, ja müssen daher in ihren literarischen Texten auch "zwischen den Zeilen" lesen.

In ihrem Text "Mein Beruf" von 1841/42 (veröffentlicht 1844) bekennt sich die Autorin ausdrücklich zu einer aufklärenden Funktion von Literatur, auch wenn sie dies mit religiösem Pathos hinter Formulierungen wie "mein Amt/Von Gottes Gnaden mir gegeben" verbirgt. Helmut Koopmann schreibt in seinem Essay "Zum Selbstverständnis der Droste in ihren Dichtergedichten" im Droste-Jahrbuch 4 (2000), S. 19: "die Rolle, die sie sich zuschreibt, ist die einer Prophetin, einer aufrüttelnden Mahnerin, der aber fast schon Heils- und Erlösungsfunktionen zukommen". Sie betrachte ihre Gesellschaft mit kritischem Blick, verweigere sich "biedermeierlicher Schönrednerei" (ebd. S. 21).

Lektüreempfehlung: Lars Korten, Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen", in: Cornelia Blasberg/Jochen Grywatsch (Hrsg.): Annette von Droste-Hülshoff Handbuch, 2018


BRIEFE    


Annette von Droste-Hülshoff als Briefautorin

Das Biedermeier war eine Zeit der Briefkultur, ja des Briefkultes. Das 18. Jahrhundert hatte bereits das Schreiben von Briefen in einen Rang erhoben, der zuvor - nach der Briefkultur der Antike - nur im Humanismus vergleichbar gegeben war. Dazu kam im 18. Jahrhundert die Entwicklung des Briefromans, mustergebend im Werk von Samuel Richardson. Im 19. Jahrhundert dann wurden Briefe zu Sammlerobjekten, zum Gegenstand gemeinsamer Lektüre. Allgemeine Informationsmedien waren noch nicht sehr gut entwickelt, Briefe hatten teilweise auch Funktionen von Tageszeitungen, insbesondere in eher ländlichen Regionen (darauf hat bereits Karl Schulte Kemminghausen in Vorwort des ersten Bandes seiner Gesamtausgabe der Briefe Droste-Hülshoffs 1944 hingewiesen). Und auch die Funktion, Familien und Freundschaften mit zunehmender Mobilität zusammen zu halten. Gödden weist auch darauf hin, dass für intellektuelle Frauen im Biedermeier Briefe einen Ersatz für versagte öffentliche Wirksamkeit bieten konnten (Gödden 1991, S. 80f).

Für Droste-Hülshoff waren Briefe vorrangig Medium des persönlichen, ja auch intimen Austausches, bei dem sie nicht immer Zeugen wünschte. Wiederholt beklagt sie gegenüber ihrer Schwester Jenny und ihren Freundinnen, dass Briefe im Familien- und Freundeskreis öffentlich verlesen wurden und sie sich darauf in einer Form von Selbstzensur einstellen müsse. Teilweise führte sie parallel zur gleichsam "öffentlichen" Korrespondenz eine Geheimkorrespondenz, etwa mit der Schwester Jenny, der sie ein loses Blatt in ihre Briefe einlegte, das nur für die Schwester bestimmt war. Viele ihrer Briefpartner forderte sie dazu auf, die Briefe nach Lektüre zu verbrennen. Einige, wie Amalie Hassenpflug, taten dies auch. Wie Annette von Droste-Hülshoff am 5. September 1843 Elise Rüdiger gegenüber berichtete, habe sie auch selbst "gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir (so - H.Sch.) geworfen". Weitgehend verschollen sind z.B. die umfangreichen Korrespondenzen mit den Freundinnen Sibylle Mertens und Wilhelmine von Thielmann sowie mit dem Theologiestudenten Wilhelm Tangermann. Auch die Korrespondenz mit Adele Schopenhauer ging nach 1887 großteils verloren. Einige Briefe an Schücking, die "Mißverständnisse und Spöttereyen über mich schütten könnten", hat Droste nach einer Rückforderung im Brief vom 12. September 1842 vermutlich selbst vernichtet (wobei es vordergründig vor allem um Elise Rüdigers Schutz ging). Mit beigetragen zur schlechten Überlieferungslage hat auch die Gepflogenheit des 19. Jahrhunderts, Briefe oder auch nur ausgeschnittene Teile von Briefen zu verschenken.

Am 30. Oktober 1841 spricht Droste-Hülshoff in einem Brief an die Freundin Elise Rüdiger im Blick auf Schückings Meersburg-Aufenthalt von "fortgesetztem Heimlichtun". Das Wissen um die geringe Beachtung von Verschwiegenheit (auch durch sie selbst im übrigen) hielt sie nicht davon ab, z.B. Levin Schücking gegenüber in einem Brief das mangelnde Talent der gemeinsamen Freundin Elise Rüdiger scharf zu benennen, während sie der Freundin gegenüber voll des Lobes ist für deren literarische Arbeiten. Ähnlich gespalten urteilt sie über Schückings Arbeiten ihm bzw. Rüdiger gegenüber! Ihre eigenen Interessen wusste sie in ihren Briefen wortgewandt durchzusetzen. "Schlau und klug wie eine Schlange" nannte Levin Schücking sie in einem Brief an Louise von Gall Anfang Mai 1843.

Zu warnen ist davor, Briefstellen isoliert als Belege für bestimmte Auffassungen der Autorin zu nehmen. Oft finden wir zu den in einem Brief genannten Auffassungen ein ganz entgegengesetztes Urteil in einem anderen, wobei wir immer mitbedenken müssen, an wen der jeweilige Brief gerichtet ist. Aber auch innerhalb eines Briefes kann es zu erstaunlichen Reibungen kommen. So schreibt Droste an Elise Rüdiger zu Beginn eines Briefes vom 24. Juli 1843 zum Thema Texthonorar die Empfehlung, "weshalb soll man sich in diesen pauvren Zeiten mit Lob begnügen, wenn man Geld bekommen kann". Einige Seiten später erklärt sie aber ihren eigenen festen Entschluß, "nie auf den Effect zu arbeiten" um des Honorares willen.  Darin liegt kein echter Widerspruch, aber aus dem Zusammenhang gerissen könnten diese Aussagen dazu benutzt werden, ganz unterschiedliche Auffassungen zu begründen.

Walter Gödden schreibt im Schlusswort zu seiner bemerkenswerten Auseinandersetzung mit Droste-Hülshoffs Briefen, "Ein Gesamtbild mit Fragezeichen", "es gibt genügend Gründe, diesen Briefen zu mißtrauen: extrem adressatenbezogene Urteile, gespielte Freundschaftsverbundenheit und aufgesetzter Familiensinn, ungerechte Urteile infolge von Stimmungslagen oder persönlichen Antipathien, schließlich das Talent der Autorin zur Selbstinszenierung: was darf man diesen Briefen überhaupt glauben?" (Gödden 1991, S. 196)

"Sie werden mich noch als eine arge Schwätzerin kennen lernen", schreibt Droste-Hülshoff Anfang Januar 1845 an die Fürstin von Salm-Reifferscheidt. Ihr Mitteilungsdrang zeigt sich auch in ihren literarischen Texten, für heutige Leser macht er viele ihrer Gedichte und Balladen zu einer anstrengenden Lektüre. Allerdings ist auch dieser Mitteilungsdrang ein Insignum der Zeit, es galt nicht als anrüchig, als geschwätzig zu gelten. Der literarische Realismus der Zeit lebt auch von dieser Eigenschaft und ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz.

Lektüreempfehlung: Walter Gödden, Die andere Annette. Annette von Droste-Hülshoff als Briefschreiberin, Paderborn u.a.: Schöningh, 1991



Briefwechsel mit der Mutter Therese von Droste-Hülshoff, Geborene von Haxthausen

Die Mutter war in vielfacher Hinsicht bedeutend für den Briefwechsel ihrer Tochter. Zum einen musste Annette von Droste-Hülshoff immer präsent haben, dass ihre Mutter erwartete, alle an die Tochter gerichteten Briefe vorgelesen zu bekommen. Darüber hinaus war es ein Anliegen der Mutter, die eigenen Briefe mit denen der Tochter abzustimmen, um der Verwandtschaft wichtige - und auch weniger wichtige - Ereignisse nicht doppelt mitzuteilen. Es darf allerdings auch unterstellt werden, dass die Mutter Kontrolle wünschte über das, was die Tochter schreibt. Offenkundig befürchtete Annette von Droste-Hülshoff auch, dass an sie gerichtete Briefe von der Mutter erbrochen werden. Sie bat ihre Briefpartner gelegentlich ausdrücklich darum, keine Briefe in ihrer Abwesenheit an sie zu schicken. So schreibt sie an Schücking am 5. Mai 1842, er möge mit Briefen bitte warten, bis sie ihm seine Ankunft im Rüschhaus gemeldet habe, "du weißt, daß ich meiner Mama keine vollständige briefliche Enthaltsamkeit zutraue". Später, im Rüschhaus angekommen, erklärt sie: "Daß Briefe an mich erbrochen würden ist fortan keine Gefahr mehr vorhanden, selbst wenn ich grad abwesend seyn sollte, aber ich wünsche dennoch dringend, sie allein zu bekommen, um nicht genöthigt zu seyn sie vorzulesen".

Als Briefpartner ist die Mutter für die Forschung weniger bedeutsam, geht es in den Schreiben doch zumeist um Familienangelegenheiten. Auffallend ist auch, dass Droste-Hülshoff sich in zahlreichen Briefen an die Mutter zunächst für eine Verzögerung entschuldigt - was auch anderen Partnern gegenüber gelegentlich vorkommt, doch nicht in der Häufung. Walter Gödden merkt gar an, "Vor allem die junge Droste verfuhr in der Korrespondenz mit ihren Eltern äußerst nachlässig" (Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 8,2, S. 385). Eher Pflicht als Neigung scheinen Antrieb dieser Korrespondenz, die weitgehend erhalten blieb.

Der erste - nur erschlossene - Brief an die Mutter ist von Anfang August 1805. Die Tochter erkundigt sich nach dem Befinden der Mutter und der Bökendorfer Verwandten. Danach gibt es eine lange Pause, begründet unter anderem darin, dass Mutter und Tochter zusammen lebten und meist auch zusammen reisten. Im Sommer 1819 berichtet Droste der Mutter aus Bökendorf nach Hülshoff in einem gleichfalls nur erschlossenen Brief, dass es ihr gut gehe, sie gesund sei. Vom 20. Dezember 1819 haben wir dann den ersten erhaltenen Brief der Tochter an die Mutter, aus Bökendorf nach Hülshoff, vorliegen. Er beginnt mit einer längeren Entschuldigung, so lange nicht geschrieben zu haben. Sodann versichert die Tochter, das sie nicht "besonders krank" sei, dass es mit ihrer Gesundheit vielmehr besser stünde als zu Beginn des Bökendorf-Aufenthaltes. Dann folgt ein Bericht zu ihrem Gesundheitszustand und zu ihrer Medikation. Den Hauptteil des Briefes nehmen Berichte über Personen ein, die sie während eines Kuraufenthaltes in Driburg kennengelernt hatte.

Im mit großem Abstand nachfolgenden Brief, dem vom 11. März 1820, lernen wir Droste als in Gelddingen durchaus bereits in jungen Jahren höchst geschickt kennen. Es geht um die Zahlung einer Summe von 3000 Talern an eine Sophie, eine Zahlung, auf die offensichtlich Therese von Droste-Hülshoff auch einen Anspruch hatte, den die Tochter juristisch versiert verteidigte. Danach geht es weiter mit Gelddingen, etwa den Badekosten in Driburg oder dem Preis für Devotionalien, die Annette von Droste-Hülshoff unter anderem sammelte.

Diese und ähnliche Themen bestimmen auch den weiteren Briefwechsel von Mutter und Tochter. Wobei von Seiten der Mutter Familienangelegenheit und Angelegenheiten von Bekannten im Vordergrund stehen. Die Tochter schneidet auch gelegentlich allgemeine gesellschaftliche Themen an, jedoch stets verbunden mit der Familie nahestehenden Personen. Und stets als "gehorsame Tochter", meist in gebotener respektvoller Ausführlichkeit. Wird die Tochter zu knapp, erfolgt postwendender Tadel der Mutter. Die Tochter hatte als unbelastet durch eine eigene Familie ihre Zeit dem Informationsaustausch innerhalb der Familie zu widmen - das erwartete neben der Mutter auch deren Halbbruder Werner von Haxthausen, der immer wieder im Hintergrund reglementierend in das Leben der Autorin eingriff.

Im letzten Brief an die Mutter vom 27. Februar 1848, drei Monate vor ihrem Tod, berichtet Annette von Droste-Hülshoff zunächst von einer überstandenen Grippe und dass es ihr auch sonst wesentlich besser gehe als noch im Jahr zuvor, dass lediglich das Gehen ihr Mühe bereite. Und dann berichtet sie, wie ihr Schwager Laßberg den von den Schweizer Behörden wegen Landesverrates gesuchten Sonderbündler Zeerleder beherbergt habe, dieser bei Nacht wegen eines Auslieferungsabkommens zwischen Baden und der Schweiz im Schloß Meersburg verhaftet wurde, aber zwei Wochen später freikam wegen nicht hinreichender Beweislage, wohl auf Intervention des Markgrafen von Baden, veranlasst durch Laßberg.



Briefwechsel mit Anton Mathias Sprickmann

Anton Mathias Sprickmann, geboren 1749 in Münster als Arztsohn, war ein anerkannter Autor seiner Zeit, geprägt durch Sturm und Drang und Empfindsamkeit. Goethe inszenierte in Weimar sein Lustspiel "Der Schmuck", bis nach Wien wurden seine Stücke gespielt. Gelegentlich wurde er aber auch seines die literarischen Texte dominierenden Gefühlsüberschwangs wegen verspottet. Seine ausgeprägte Emotionalität führte er auf die nachsichtige Erziehung im Elternhaus zurück. "So entstand diese Empfindsamkeit, der ich freilich mein Bestes, aber auch das Traurigste meines Lebens anrechnen muß." (Autobiographische Aufzeichnung im Nachlass) Er korrespondierte u.a. mit Klopstock, verehrte Goethe zutiefst. Seine eigene literarische Produktion endete abrupt um das Jahr 1780, er erlebte nach eigenem Zeugnis eine "geistige Wiedergeburt" und verpflichtete sich nun weitgehend seinem beruflichen und familiären Leben.

Annette von Droste-Hülshoff lernte Sprickmann 1812 kennen, vermutlich über ihre sechs Jahre ältere Freundin Catharina Busch, die zu einem Literaturzirkel um Sprickmann gehörte und mit diesem entfernt verwandt war. Im September 1814 übersiedelt Sprickmann für eine Jura-Professur nach Breslau, und damit beginnt der Briefwechsel, mit einem ersten Brief Sprickmanns vom 21. November 1814. Droste antwortet auf diesen Brief am 20. Dezember. Allerdings ist auch ein früherer Brief an die zweite Frau Sprickmanns, Maria Antoinetta geb. Oistendorf, erhalten, aus dem Frühjahr 1813, in welchem die 16jährige Annette von Droste-Hülshoff eine einmalige finanzielle Unterstützung anbietet, mit Billigung ihrer Eltern.

Die Initiativen des Briefwechsels gingen stets von der jungen Droste-Hülshoff aus, die von Sprickmann eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Texten erwartete. Sprickmann ließ sich für seine Antworten Zeit, seinen zweiten Brief schrieb er erst mehr als 10 Monate nach Drostes Brief, am 07. November 1815, mit seinem dritte Brief ließ er mehr als ein Jahr auf sich warten. Im Ton allerdings war er in seinen Briefen genau so überschwänglich und vertraulich wie die junge Dichterin, ja, der emotionale Ton scheint von ihm angeschlagen und von Droste übernommen zu sein. Teilweise griff Droste auch Formulierungen Sprickmanns, auf wie die von den "inneren Saiten meines Gemüthes". Häufig erwähnt sie ihren schlechten Gesundheitszustand - doch ohne Lamento.

In ihrem letzten, äußerst ausführlichen und oft zitierten Brief an Sprickmann vom 08. Februar 1819 spricht Droste über ihr Literaturverständnis und auch über ihren Charakter, so von ihrem "unglückselige(n) Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe". Wie die knappe Antwort Sprickmanns vom 01. März 1819 nahelegt, fühlte der nunmehr Siebzigjährige sich überfordert von den Ansprüchen der Autorin. Er litt wohl auch an gesundheitlichen Problemen und emotionalen Verstimmungen. Er verweist auf einen späteren Brief unter günstigeren Umständen, doch dieser Brief wurde dann nicht geschrieben.



Briefwechsel mit Heinrich Straube

Heinrich Straube stammte aus einer wohlhabenden, angesehenen Kasseler Familie, die mit den Grimms befreundet war. Von Wilhelm Grimm wird Straube als ein "kleiner grundhäßlicher Kerl" beschrieben, dessen Exaltiertheit die Göttinger Literaturzeitschrift "Wünschelruthe" (Januar bis Juni 1818), deren Mitherausgeber Straube war, vorzeitig ruiniert habe - so Grimm in einem Brief an Achim von Arnim. 1813 machte die Familie Straubes bankrott und Straube mußte sein Studium in Göttingen abbrechen. Ab 1816 konnte er es fortsetzen, unterstützt von seinem Studienfreund August von Haxthausen, dem 1792 geborenen Halbonkel Annette von Droste-Hülshoffs. Straube und Droste-Hülshoff lernten sich im August 1818 persönlich in Bökendorf kennen und es entstand eine wechselseitige Zuneigung. Zu Ostern 1819 besuchte Straube die Familie Droste-Hülshoff auf Schloss Hülshoff und 1819/1820 gab es weitere Begegnungen in Bökendorf.

Im Sommer 1820 kam es dann in Bökendorf zu einem Eklat, als August von Arnswaldt, ein Freund der Familie von Haxthausen und Heinrich Straubes, in einer Intrige Annette von Droste-Hülshoff dazu brachte, ihm ihre Zuneigung zu bekennen. Dabei ist in der Forschung umstritten, ob Arnswaldt den Charakter der von Straube Verehrten im Interesse seines Freundes testen wollte, wie den erhaltenen Dokumenten zufolge anzunehmen ist, ob Arnswaldt nur eigene Interessen verfolgte oder ob er gar im Auftrag der Familie Droste-Hülshoff die Beziehung mit dem bürgerlichen Straube verunmöglichen sollte. Den genauesten Bericht aus Sicht der Autorin gibt ihr nicht genau datierter Brief aus dem Dezember 1820 an Anna von Haxthausen, ihre jüngere Halbtante. Darin macht sie sich selbst Vorwürfe, Arnswaldt gegenüber sich nicht zurückhaltender geäußert zu haben, beklagt allerdings auch das unangemessene Verhalten der Bökendorfer Verwandtschaft, die alle Schuld bei ihr alleine sehe.

Von einer ausgiebigen Korrespondenz zwischen Straube und Droste-Hülshoff ist auszugehen. Doch davon ist nichts erhalten. Am 6. August 1820 schrieb Heinrich Straube gemeinsam mit August von Arnswaldt einen Brief an Annette von Droste-Hülshoff, in welchem die beiden dieser die Freundschaft aufkündigten. Auch dieser Brief ist nicht erhalten, allerdings ist er erschließbar aus einem Brief Arnswaldts an August von Haxthausen mit dem gleichen Datum, in welchem dieser gebeten wird, "den beiliegenden Brief auf geschickte Art der Nette zukommen zu lassen". Details zum Inhalt erfahren wir im Brief Droste-Hülshoffs an Anna von Haxthausen vom Dezember 1820. Dort zitiert sie aus dem Schreiben die Worte Arnswaldts: "Meinen Freund zu retten war mein erster Gedanke, ich fand dieses leichter als ich dachte, denn er war schon fast gerettet."

Zu ihren Verhältnissen zu Arnswaldt und Straube erklärt sie im gleichen Brief: "Also bey Arnswaldt, (...) je länger ich mich bedenke, je mehr finde ich, daß er es mit Straube innig gut gemeint, aber mit mir von Anfang an desto schlimmer, ich hatte Arnswaldt sehr lieb, auf eine andere Art wie Straube. Straubens Liebe verstand ich lange nicht, und dann rührte sie mich unbeschreiblich und ich hatte ihn wieder so lieb, daß ich ihn hätte aufessen mögen, aber wenn Arnswaldt mich nur berührte, so fuhr ich zusammen".



Briefwechsel mit Sibylle Mertens-Schaaffhausen

Sibylle Mertens-Schaaffhausen (29.01.1797-22.10.1857) war die Tochter des Kölner Bankiers Abraham Schaaffhausen und verheiratet mit dem 16 Jahre älteren Bonner Bankier Joseph Mertens, mit dem sie sechs Kinder hatte. Das Paar lebte weitgehend getrennt, Sibylle Mertens-Schaaffhausen widmete sich intensiv der Archäologie und führte in Bonn einen der angesehensten Salons des Rheinlandes. Ab 1826 war sie, mit Unterbrechungen, bis zu deren Tod 1849 mit Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, liiert.

Aus dieser Korrespondenz existieren lediglich vier Briefe der Autorin. Dass es weit mehr Schreiben gegeben habe, belegt ein Brief Sophie von Haxthausens vom 5. November 1826 an ihre Schwägerin Betty, worin es über "Nette" heißt, "Sie schreibt sich noch sehr fleißig mit der Mertens." Ein gemeinsames Interesse war dabei die Numismatik.

Besonders bemerkenswert ist der Brief vom 9. Oktober 1842 aus dem Rüschhaus, geschrieben nach dem Tod von Joseph Mertens, auf den Droste-Hülshoff in einer längeren Passage gleich zu Beginn des Briefes eingeht, in welcher sie auch von ihrer eigenen Lungenerkrankung schreibt, die der Mertens' ähnlich sei. Der Brief liegt einem Päckchen bei, in welchem die Autorin der Freundin ein Buch aus dem Bestand ihres Schwagers Joseph von Laßberg zur Weitergabe an den Bonner Philologen Karl Simrock sowie einige griechische Münzen schickt.

Inhaltlich geht es im Brief um Familienangelegenheiten, vor allem derer von Haxthausen (Familie der Mutter von Droste-Hülshoff, die Autorin tadelt ihre Tante Betty wegen ihres Lamentierens über die Schulden des verstorbenen Onkels Werner)) und derer von Arnswaldt ("ein kränkliches hypochrondrisches Geschlecht", Familie des August von Arnswaldt, der die "Jugendkatastrophe" Droste-Hülshoffs verursacht hatte und nunmehr mit Anna von Haxthausen, einer Tante Droste-Hülshoffs, verheiratet war). Eine wichtige Rolle spielt auch Adele Schopenhauer, deren Beziehung mit Sibylle Mertens-Schaaffhausen von der Dichterin offenkundig unterstützt wurde. So fragt sie an, "Kömmt nicht Adele jetzt vielleicht auf einige Zeit zu dir, da dem, wenigstens von einer Seite, nichts mehr im Wege steht". Die "eine Seite" ist der nunmehr verstorbene Gatte Joseph Mertens.

Auch um die literarischen Arbeiten der Autorin und ihre Fortschritte bei der Verlegersuche für ihren Sammelband "Gedichte" geht es. Schücking wird erwähnt, der Kontakte zu Cotta aufgebaut habe, bei dem der Band dann schließlich 1844 erscheinen wird - zu einem von Schücking glänzend ausgehandelten Honorar. Für diese Passage entschuldigt sich Droste-Hülshoff mit der Wendung: "Verzeih, gutes Herz, diese lange Brühe über dich so wenig Interessierendes, es ist eben ein Schriftstellerfehler, der kleinen wie der großen, immer um ihr eignes Lichtstümpfchen zu spatzieren."

Die dem Brief beigefügten Münzen waren offenkundig unecht, wie Mertens-Schaaffhausen der Dichterin in einem wohl etwas ungehaltenen Brief mitteilt, dem Droste-Hülshoff in einem nicht erhaltenen Brief Anfang 1843 antwortet, in welchem nach dem Tagebuch von Mertens-Schaaffhausen auch von starkem Bluthusten der Autorin berichtet wird.  Am 11. Juli 1843 antwortet die Autorin auf einen "lieben herzlichen Brief" der Freundin, nunmehr an heftigen Zahnschmerzen leidend. Es geht wieder seitenlang um Familienangelegenheiten, Adele Schopenhauer wird erwähnt und ausführlich auch auf die eigene 18 Jahre währende Freundschaft verwiesen, mit dem Hinweis "in sieben Jahren können wir unsre silberne Hochzeit feyern" - dies keineswegs allerdings mit silbernen Haaren seitens der Autorin, denn "ich bin blond, 'ewig jung und ewig schön!' ein geborner Schimmel", von Seiten der Freundin schon, die "Rappe" genannt wird. Und in der Tat zeigen die im "Fürstenhäusle" erhaltenen blonden Haarlocken der Dichterin, vermutlich von ihrer Schwester Jenny am Totenbett abgeschnitten, keinen nennenswerten Grauton.

Dieser Brief sticht vor allem hervor durch das Zelebrieren einer Frauenfreundschaft, endend mit "Grüß deine Frauen und Mädchen von mir", zum anderen mit der Randnotiz, Levin Schücking habe sich mit Louise von Gall verlobt, von der die Briefschreiberin "nichts" wisse, weshalb sie die Freundin um Auskunft bittet, sofern diese "etwas von ihr" wisse.



Briefwechsel mit Christoph Bernhard Schlüter

In der geistigen Entwicklung der Autorin nahm der vier Jahre jüngere Philosoph Schlüter eine besondere Stellung ein, auch wenn sie sich gelegentlich respektlos über seine konservative Haltung äußerte und nicht die religiös erbauliche Literatur schrieb, die er von ihr erwartete. Lediglich ihr Zyklus "Das geistliche Jahr" entsprach im Ansatz Schlüters Ansprüchen. Die beiden lernten sich im Februar 1834 kennen und pflegten umgehend regelmäßigen Kontakt. Schlüter vermittelte 1838 die Publikation ihres ersten Gedichtbandes, der von dem jungen Fabrikantensohn und Journalisten Friedrich Engels, einem Bekannten Schückings, geschätzt wurde (s. Engels Essay "Landschaften"). Er begleitete auch noch den Abschluss der Arbeiten an "Das geistliche Jahr". In den Jahren 1834 bis Anfang 1840 wechselten Briefe und Grüße über die gemeinsamen Bekannten Junkmann und Schücking zwischen Schlüter in Münster und Droste-Hülshoff im Rüschhaus. Und wenn Droste-Hülshoff in Münster weilte, besuchte sie zumeist auch Schlüter und seine Schwester Therese. Danach kühlte das Verhältnis ab.

Etwa 50 Briefe, vermutlich die gesamte Korrespondenz, blieben erhalten. Die Briefe stammen aus den Jahren 1834 bis 1839 und 1846 bis 1848. Die Lücke ab September 1839 ist zu erklären durch das intensivierte Verhältnis der Dichterin zu Levin Schücking, der politisch-weltanschaulich das Gegenbild zum konservativ-religiös geprägten Schlüter darstellte, und ihre Abwendung von religiöser Lyrik. Im März 1846 nahm Schlüter den Kontakt wieder auf, wohl auch in Sorge um den Gesundheitszustand Droste-Hülshoffs. Allerdings blieben die Briefe dieser Jahre eher belanglos, gefüllt mit Krankheitsberichten und von Seiten Schlüters auch mit allgemeinem Pessimismus.

Droste nennt Schlüter "mein frommer geliebter Freund", "mein liebstes Professorchen" oder "theuerster meiner Freunde". Dem seit dem 27. Lebensjahr völlig erblindeten Philosoph (der als Achtjähriger mit Kalk und Wasser eine Exposion verursacht hatte, die seine Augen verletzte) vertraute sie offenkundig in besonderem Maße, auch wenn wir nicht es allzu wörtlich nehmen sollen, wenn sie einmal schreibt "der Himmel bewahre mich, daß ich ihnen je einen Gedanken verberge". In den Briefen an ihn aus der ersten Periode des Briefwechsels erfahren wir über ihr Seelenleben, ihre Schreibwerkstatt und auch über ihre politischen Einstellungen mehr als aus den anderen Korrespondenzen - was auch daran liegen mag, dass hier keine familiäre Zensur eingegriffen hat. In einem Brief vom 04. Juni 1835 aus dem Rüschhaus berichtet die Autorin über ihren Gemütszustand: "aber ich bin lange sehr leidend gewesen, und jetzt, seit zwey Tagen, mit einem Mahle ganz wohl, aber ungemein aufgeregt und nervenschwach, und großer Phantasie- Gefühls- und Gedanken-Anspannung nicht nur fähig, sondern gezwungen dazu".

Im nächsten Brief, vom 19. November 1835 aus Schloss Eppishausen (dem damaligen Wohnsitz ihrer Schwester), gibt sie uns eine Einschätzung der Schweizer, die schon vorgreift auf ihre spätere Sympathie für den Sonderbund: "die Politik bekümmert Uns Beyde gleich wenig, sonst könnte ich ihnen sagen, daß die freyen Schweizer, die keinen Rang anerkennen wollen, die ärgsten Sklaven des Geldes sind, daß reiche Bauern in den Dörfern unbeschränktere Herrn und schlimmere Tyrannen darstellen, als je der Unterschied des Ranges dergleichen hervor gebracht hat, (...) - jetzt eben stehn alle Cantone in sich selbst, und Eins gegen das Andre, wie Katzen und Hunde, in je mehreren und gemeineren Händen die tausend Fäden liegen, an denen das Staats-Gewebe hin und her gezerrt wird, je elender und INTERESSIeRTER geht es zu".



Briefwechsel mit Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff war mit der Mutter des 18 Jahre jüngeren Levin Schücking, Katharina Sibylla Busch, verh. Schücking, schon als Jugendliche befreundet. 1837 kam Levin Schücking nach seinem Jura-Studium in München, Heidelberg und Göttingen nach Münster zurück. Droste-Hülshoff förderte den jungen Juristen, der Schriftsteller werden wollte, nach Kräften, zumal seine Mutter bereits 1831 verstorben war.  Durch ihre Vermittlung wurde er 1841 bei Drostes Schwager Joseph von Laßberg auf Schloss Meersburg Bibliothekar. Die Dichterin lebte in dieser Zeit selbst auf Schloss Meersburg, die beiden arbeiteten eng literarisch zusammen, im Gedicht "An Levin" nennt sie ihn "mein Dioskur". Dort finden sich auch die Verse "Du lächelst/und dein Lächeln ist das Meine,/an gleicher Lust und gleichem Sinnen reich." Schon im darauf folgenden Jahr verließ Schücking den Bodensee Richtung Salzburg, wo er eine Anstellung als Prinzenerzieher in Mondsee erhalten hatte. Damit begann der Briefwechsel der beiden, der (wie schon das Gedicht "An Levin") deutlich macht, dass nicht nur (ersatz-)mütterliche Gefühle das Verhältnis von Seiten der Autorin bestimmten.

Der Briefwechsel ist geprägt durch Drostes unverhohlene Zuneigungsbekundungen und der Sehnsucht nach dem vergangenen Zusammensein 1837 bis 1842 mit Schückings regelmäßigen Besuchen im Rüschhaus, dann dem gemeinsamen halben Jahr in Schloss Meersburg. Schon im ersten Brief nach Schückings Abreise, vom 5. Mai 1842, kurz vor ihrem eigenen Umzug von Meersburg zum Rüschhaus, schlägt Droste-Hülshoff den Ton an, der von ihrer Seite den Briefwechsel dominieren soll: "Hör Kind! - ich gehe jeden Tag den Weg nach Haltenau, setze mich auf die erste Treppe, wo ich dich zu erwarten pflegte, und sehe, ohne LORGNETTE, nach dem Wege bey Vogels Garten hinüber, kömmt dann jemand, was jeden Tag ein paarmahl passirt, so kann ich mir, bey meiner Blindheit, lange einbilden du wärst es, und du glaubst nicht, wie viel mir das ist".

Im gleichen Brief mahnt sie Schücking, auf Diskretion zu achten, das für sie privat Gedachte auf ein eigenes Blatt zu schreiben, da sie nicht umhin könne, seine Briefe Laßberg vorzulesen. Und nach Rüschhaus solle er ihr erst schreiben, wenn sie die Briefe persönlich annehmen könne - der Mutter Droste-Hülshoff wegen. Im folgenden Brief vom 27. Mai 1842 wird sie noch eindringlicher in ihrer nostalgischen Klage: "das Vergehen und nie so Wiederkommen ist etwas Schreckliches! - wenn du wieder nach Rüschhaus kömmst bin ich ein altes Madämchen, und auch dir sind derweil hundert Dinge durch den Kopf gegangen". Mit Schückings Heirat Oktober 1843 kühlte die Beziehung ab und mit der Veröffentlichung von Schückings Werk "Die Ritterbürtigen" 1846 kam es zum Bruch, da Annette von Droste-Hülshoff einige Passagen des Werkes als Indiskretionen ansah, den Autor als Verräter betrachtete, da er Mitteilungen von ihr zur westfälischen Adelswelt verarbeitet hatte. Am 13. April 1846 schreibt sie an Schlüter, Schücking habe an ihr gehandelt wie ein "Todfeind".

Der Briefwechsel ist vermutlich nur unvollständig erhalten. In einem Brief vom 12. September 1842 an Schücking bittet die Autorin um die Vernichtung von Briefen, die Elise Rüdiger erwähnen (mit der Schücking wohl ein engeres Verhältnis hatte, siehe den Brief vom 24. Juni 1843 an Schücking), in denen Droste Schücking duze und die "sonst Mißverständnisse und Spöttereyen über mich schütten könnten". Herbert Kraft nennt die Briefe, die Droste-Hülshoff nach Schückings Abschied von der Meersburg Anfang April 1842 dem Freund schickt, "Liebesbriefe" (Herbert Kraft, Annette von Droste-Hülshoff, 1994, S. 93. Das Ende dieser "Liebe" markiert ein Brief vom 11. Mai 1843 an Schücking, in welchem sie den Freund vor einer allzu raschen Heirat mit Louise von Gall warnt und implizite auch vor deren Protestantismus.



Briefwechsel mit Elise von Hohenhausen, Verheiratete Rüdiger

Elise von Hohenhausen (1812-1899) wurde durch die Salons ihrer Mutter Elise zunächst in Berlin, dann in Minden mit Literatur vertraut gemacht. Sie schrieb früh selbst, für das "Mindener Sonntagsblatt", das ihr Vater, preußischer Verwaltungsbeamter, mitbegründet hatte. 1831 heiratete sie einen Kollegen ihres Vaters, Karl Ferdinand Rüdiger, und zog um nach Münster, wo sie zum Jahreswechsel 1838/39 einen Salon begründete, den auch Droste-Hülshoff und Schücking regelmäßig besuchten. Eine satirische Darstellung dieses Salons findet sich im Stück "Perdu!". Mit Schücking hatte Elise Rüdiger eine Affäre, auf die Droste-Hülshoff in einigen Briefen an Schücking Bezug nimmt. Unter anderem deshalb forderte Droste-Hülshoff von Schücking die Vernichtung dieser Briefe.

Die erhaltenen Briefe sind zwar auch voll von Familien- und Freundesklatsch, gehen dabei aber häufig auf literarische Themen ein. Die beiden unterhalten sich schriftlich über die Neuerscheinungen im "Morgenblatt" und die schriftstellerischen Qualitäten gemeinsamer Literatenfreunde und -freundinnen. In mancher Hinsicht können die Briefe als Fortsetzung des literarischen Salons in Münster mit anderen Mitteln gelesen werden. In einem Brief vom Dezember 1842 geht es nacheinander um Louise von Bornstedt, Louise von Gall (die bald Schücking heiraten sollte) und Alexander von Sternberg - zu dessen Drama "Alfieri" die Autorin meint "mich dünkt er hat SHAKESPEARE sehr im Auge gehabt". Zu Louise von Gall meint Droste-Hülshoff, sie "könnte Levin sehr gefährlich werden", sollte sie nicht nur literarisch begabt, sondern auch "einigermaßen hübsch und angenehm" sein.

Am 24. Juli 1843 äußert sich die Autorin aus der Abbeburg der Freundin gegenüber zu ihren literarischen Ambitionen im Kontext des literaturwütigen Zeitgeistes sehr kritisch: "Wir bekommen hier eine Menge Journale - die Modenzeitung - das Morgenblatt - den Telegraphen - Vaterland - Ausland - Königsberger Litteraturblätter - Wenn ich sehe, wie so Alles durcheinander krabbelt um berühmt zu werden, dann kömmt mich ein leiser Kitzel an meine Finger auch zu bewegen  - Geduld! Geduld! - aber wenn ich dann wieder sehe, wie Einer kaum den Kopf über dem Wasser hat, daß schon ein Anderer hinter ihm einen Zoll höher aufduckt und ihn niederdrückt, - wie Heine schon ganz verschollen, Freiligrath und Gutzkow veraltet sind - kurz, die Celebritäten sich einander auffressen und neu generiren wie Blattläuse, - dann scheint mirs besser die Beine auf den Sopha zu strecken, und mit halbgeschlossenen Augen von Ewigkeiten zu träumen." Und einige Zeilen weiter: "Ach, Elise, Alles ist eitel! was hilfts mir, daß die Buchhändler meinen auch mich kurze Zeit dem Publikum als Zugpflaster auflegen zu können, um mich nachher, wie eine verbrauchte spanische Fliege, bey Seite zu werfen".

1844 planten die beiden Freundinnen auch die Herausgabe eines gemeinsamen Novellenbandes, woraus jedoch nichts wurde. Elise Rüdiger sah in Droste-Hülshoff weniger die Lyrikerin, sondern die Erzählerin und die Intellektuelle. Sie war nach dem Tod der Freundin bestrebt, dem von Schücking verbreiteten Droste-Bild einer eher religiös, konservativ, naturliebend und naiv gestimmten Dichterin das Bild einer modernen, selbstbewußten, politisch und wissenschaftlich engagierten Schriftstellerin entgegenzustellen. Dabei nahm sie auf die Gedichte kaum Bezug, sondern rückte das sonstige Schreiben der Autorin in den Vordergrund.



In Briefen über Droste-Hülshoff

Der Briefkult des Biedermeier war verbunden mit Zügen eines Starkultes um Dichterpersönlichkeiten, der sich schon im 18. Jahrhundert ausprägte. So wurden Briefe von Klopstock oder Goethe vielfach kopiert und wie Devotionalien herumgereicht. Auch Droste-Hülshoff geriet in den Fokus eines Kultes, der um ihre Person sich entwickelte. Bereits früh kursierten im Verwandtenkreis Lobpreisungen ihrer dichterischen "Genialität", ihr Halbonkel Werner von Haxthausen schrieb an ihre Mutter, in ihr keime eine "zweyte Sappho". Die Mutter kopierte und bewahrte jedes ihrer Gedichte auf. Der junge Journalist Friedrich Engels reiste 1840 nach Münster und erwähnte in einem Bericht für den "Telegraph für Deutschland" 122/123 im gleichen Jahr unter dem Pseudonym Friedrich Oswald als besondere Auszeichnung Münsters die Möglichkeit, dort Levin Schücking und Annette von Droste-Hülshoff zu begegnen. Man bezog sich Zeit ihres Lebens auf die Autorin, im Negativen wie im Positiven, in Abgrenzung wie in Affirmation. So gibt es zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, in denen sie erwähnt wird oder zitiert, in denen von ihr - ablehnend bis zustimmend bewundernd - berichtet wird.

Besonders und schon früh ist sie Thema in den Briefen ihrer Familie, etwa zwischen ihrer Mutter und deren Halbbruder Werner von Haxthausen (der stets Anteil an der Entwicklung seiner Nichte nahm) oder deren Halbschwester Sophie von Haxthausen oder zwischen ihrer Halbtante Sophie von Haxhausen und deren Schwägerin Betty von Haxhausen (Frau von Werner von Haxthausen). Aufschlussreich ist auch der Briefwechsel Levin Schückings mit Louise von Gall, die September 1842 über Freiligrath vermittelt eine Korrespondenz mit Levin Schücking aufnahm, Ende Mai 1843 in Frankfurt diesen zum ersten Mal traf und ihn am 7. Oktober 1843 heiratete. Am 11. Dezember 1842 gibt Schücking der Braut ein bemerkenswertes Portrait der Freundin: "Sie hat eine ganz frappante Aehnlichkeit mit mir, die wirklich bei einer Mutter und einem Sohne nicht größer sein könnte, äußerlich und innerlich, nur hat sie unendlich mehr originelle Poesie als ich in sich. Sie ist eine ganz eigentümliche, in jeder Beziehung originelle und tief gediegene Erscheinung. Nur hat eine ganz verkehrte, ganz aristokratische Erziehung alle ihre Talente an der Entwicklung gehindert."

Aus den Briefen über Droste-Hülshoff erfahren wir auch einiges über die umfangreichen Briefkonvolute, die als verschollen zu gelten haben. So berichtet Sophie von Haxthausen am 5. November 1826 an Betty von Haxthausen über die Korrespondenzen der Autorin: "Sie schreibt sich noch sehr fleißig mit der Mertens." In einem Brief an Freiligrath vom 14. Januar 1841 berichtet Schücking von seinem "Mütterchen" (eine Bezeichnung, die Droste-Hülshoff selbst kreiert hat für den Umgang mit Schücking), dass es ihm "zwei Mal in der Woche einen ellenlangen Brief" schreibe.


THEMEN    


Biographie

Geboren wurde sie im Januar 1797 als Siebenmonatskind, die Mutter war auf dem Eis gestürzt, was die Geburt einleitete. Als Tag der Geburt werden der 10. (Kirchenbuch), der 12. (Familie) und der 14. (Kirchenbuch korrigiert) Januar genannt, auf Schloss Hülshoff im Münsterland. Gepflegt wurde das kränkelnde Kind von der Amme Catharina Plettendorf, der Frau eines Webers. Droste-Hülshoff starb am 24. Mai 1848 an einem Herzversagen oder einer Lungenembolie auf der Meersburg am Bodensee, einem Besitz ihres Schwagers Joseph von Laßberg, wo sie die letzten sieben Lebensjahre überwiegend verbracht hatte.

Ihre Eltern gehörten zum altwestfälischen, katholischen Adel. Die Familie war wohlhabend durch Grundbesitz, etwa 100 Bauernfamilien entrichteten Abgaben, der Namensteil "Droste" verweist zudem auf das Hofamt des Truchseß, das einige Vorfahren der Lyrikerin innehatten. In Münster besaß die Familie noch ein Stadtpalais, den Erbdrostehof, nahe beim Dom.

Das dichterische Talent wurde schon früh in der Familie erkannt. Etwa im Alter von 6 Jahren entstehen die ersten längeren Gedichte, die von der Mutter in einer Kladde gesammelt werden. Eine Tante, Fernandine von Haxthausen, schreibt 1804 von "Annettes Dichter Genie". Ihr Talent, aber auch die schwache körperliche Konstitution bestimmten das weitere Leben der Autorin.

Ihren offenkundig schwierigen Charakter beschreibt Wilhelm Grimm in einem Brief an seinen Bruder Jakob vom 28. Juli 1813: "Die Fräulein aus dem Münsterland (Annette und ihre Schwester Jenny - H.Sch.) wussten am meisten (über Märchen des Münsterlandes - H.Sch.), besonders die jüngste, es ist schade, dass sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat, es war nicht gut mit ihr fertig zu werden (...). Sie wollte beständig brillieren und kam von einem ins andere".

Über Charakter und körperliche Konstitution schreibt ihre Tante Ludowine von Haxthausen in einem Brief vom 27. März 1819, "Nette" sage "alles was sie denkt, spielt uns zu Gefallen oft den ganzen Tag am Flügel, läuft einen Tag bei Wind und Wetter spazieren und liegt dafür den ganzen Tag krumm zu Bett; schreibt und liest sich einen Tag blind; und darf dann wieder 3 Wochen kein Buch ansehn".

1820 ereignete sich die in der Forschung so benannte "Jugendkatastrophe" auf Gut Bökerhof der Familie von Haxthausen, im Elternhaus der Mutter. Droste-Hülshoff bekennt sich von zwei befreundeten Männern, Heinrich Straube und August von Arnswaldt, in unterschiedlicher Weise angezogen. Mit Straube, einem Freund ihres Halbonkels Werner von Haxhausen, ist sie inoffiziell liiert. Als Arnswaldt ihr Avancen macht, geht sie darauf zwiespältig ein. Arnswaldt berichtet dies Straube und die beiden brechen mit Droste in einem gemeinsam verfassten Brief. Erst ab 1838 kam es zu einer Aussöhnung und erneuten Besuchen im Bökerhof, wobei die Autorin dann meist im nahegelegenen Familiengut Abbenburg wohnte und nur tagsüber in den Bökerhof kam.

Nach dem frühen Tod des Vaters 1826 übersiedelte die Dichterin mit Mutter und Schwester 1826 in das Rüschhaus bei Nienberge, den Witwensitz der Drostes. Von ihrem ältesten Bruder Werner-Constantin (geboren nach ihr am 20. Juli 1798) wurde ihr eine Leibrente von 200, nach anderen Quellen 300 Reichstalern zugesprochen, von der sie unter anderen ihre Amme Catharina Plettendorf und die Familie des Malers Johann Joseph Sprick (6 Kinder) unterstützte, bei dem sie alleine 1840 fünf Portraits hat malen lassen, "das Stück zu 2 Louisdor" (Brief an die Schwester Jenny vom 22. August 1840). Ein Louisdor entsprach etwa 5,5 Reichstalern.

Droste-Hülshoff konnte durch ihr Schreiben zwar ab Ende der 1830er Jahre eigenes Einkommen erzielen und sich ein stückweit eine eigenständige Existenz aufbauen, blieb jedoch bis zuletzt in Abhängigkeit von der Familie. Wie Lore Mallachow als Herausgeberin des "Lebensbildes der Dichterin" von Levin Schücking 1953 ausführt, trug zu dieser Abhängigkeit neben ihren Krankheiten auch der in Westfalen noch weitgehend ungebrochene Standeskodex bei, der Droste-Hülshoff als unverheiratete Frau nach dem Tod des Vaters "der Vormundschaft des ältesten Bruders und dem Willen der Mutter" unterstellte.

Droste war der Schwester Jenny in der Schweiz, wo diese bis 1838 mit ihrem 25 Jahre älteren Mann Joseph von Laßberg lebte, bei der Pflege der 1836 geborenen Zwillingsmädchen behilflich. Sie war dann erneut hilfreiche Tante in Laßbergs neu erworbenem Schloß Meersburg, wo sie ab Oktober 1841 überwiegend lebte. 1843 erwarb sie - zunächst mit einer "Anleihe" bei ihrem Bruder, ausgelöst mit dem Cotta-Honorar für ihren zweiten Gedichte-Band - in der Nähe ein eigenes Haus mit Weinberg, wo sie sich allerdings nur zeitweise aufhielt. 1846 siedelt Droste endgültig zu ihrer Schwester in das Schloß Meersburg über, wo sie von Laßbergs Sohn und ihrem "guten Homöopathen" (Brief an Pauline von Droste-Hülshoff aus Rüschhaus vom 27. Oktober 1845), Clemens Maria von Bönninghausen, bis zu ihrem Tod am 24. Mai 1848 ärztlich betreut wurde.

Lektüreempfehlung: Walter Gödden, Tag für Tag im Leben der Annette von Droste-Hülshoff, Paderborn: Schöningh, 1996



Autobiographisches

Einen facettenreichen Zugang zur widerspruchsvollen Person Annette von Droste-Hülshoff über ihre Briefe bietet Walter Göddens noch immer höchst anregendes Werk "Die andere Annette" von 1991. Gödden verfährt dabei als Literaturwissenschaftler und wir erfahren viel über die Funktion von Briefen in der Biedermeierzeit allgemein und speziell für die Autorin Droste-Hülshoff. In den "Einzelaspekten" der Analyse des Briefekorpus erhalten wir etwa unter "Familienszenen" erhellende Auskünfte zur Stellung der Autorin im Kreise ihrer Angehörigen und unter "Existenzfragen" gibt uns Gödden Hinweise zum Selbstverständnis der Autorin. Ihr Faible für "Übersinnliches" und ihr spezifischer Humor werden bei Gödden gleichfalls über das Briefwerk zugänglich.

Auskünfte über sich selbst hat Annette von Droste-Hülshoff auch immer wieder in ihre literarischen Texte eingeschleußt - vielleicht mit ein Grund, weshalb diese zumeist Fragment blieben und erst aus dem Nachlass veröffentlicht wurden. So etwa ihr Drama "Perdu!", in welchem die Dichterin von Thielen deutlich Züge der Autorin trägt. In Ledwina, der schwindsüchtigen Hauptperson ihres Romanfragmentes "Ledwina", können wir zahlreiche kaum kaschierte Parallelen zum Leben Droste-Hülshoffs finden. Das 1813 begonnene Drama "Bertha oder Die Alpen", von der Autorin als "Trauerspiel" tituliert, enthält mehrere Konflikte mit der Figur Bertha im Zentrum, die von existentieller Bedeutung für die Dramenautorin selbst werden sollten, einmal die Liebe der adeligen Heldin zu einem Bürgerlichen, einmal ihre Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen ("Zwitter" wird die Person Bertha von ihrer Schwester genannt), einmal die Künstlerschaft im gesellschaftlichen Kontext.

Das Gedicht "Spiegelbild" hat sicherlich autobiographische Züge, allerdings muss auch der Neigung der Autorin zum Geheimnisvollen und zu erschreckenden Erscheinungen Rechnung getragen werden, die von Levin Schücking in seiner "Charakteristik" der Autorin von 1847 als Movens dieses Gedichtes angesprochen wird. Schücking verweist allerdings an anderer Stelle, 1878 in der Einleitung zu seiner Droste-Werkausgabe, auf die autobiographische Dimension des Gedichtes "Der zu früh geborene Dichter", was uns grundsätzlich aufmerksam macht auf die Möglichkeit, dass im dramatischen Werk (das zu Lebzeiten unaufgeführt blieb) hinter vielen Frauenfiguren die Autorin zu erkennen ist, im lyrischen Werk jedoch durchaus hinter einem männlichen "Dichter" sich auch die Autorin verbergen kann. Nur in einem Gedicht nennt sie "Schriftstellerinnen" - "Dichterinnen" erscheinen bei ihr im lyrischen Werk nicht.

Lektüreempfehlung: Walter Gödden, Die andere Annette, Ferdinand Schöningh Verlag 1991




Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

2018, 170 Jahre nach ihrem Tod, erscheint ein Roman, der eine Verschiebung im populären Bild der Dichterin markiert, Karen Duves "Fräulein Nettes kurzer Sommer". Annette von Droste-Hülshoff tritt nun auch für ein breiteres Publikum aus dem verschlichtenden Halblicht des Deutschunterrichts in die historische Wirklichkeit einer facettenreichen Intellektuellen, die am politischen und literarischen Leben ihrer Zeit Anteil nahm und die - horribile dictu - auch eine Sexualität hatte. Womit nicht gesagt sei, dass Duve sich immer an die historische Wahrheit hielte, das Buch ist eben ein Roman. Die Autorin hat allerdings Unmengen an historischen Quellen studiert für ihr Werk.

Im Zentrum stehen der Sommer 1820 und die vorausgegangenen drei Jahre im Leben der Annette von Droste-Hülshoff, ihres Kreises und ihrer Gesellschaft. Den Sommer 1820 verbrachte die junge Droste, die in intellektuellen Kreisen bereits einiges Interesse mit ihrem Schreiben gefunden hatte, auf dem Gut der Großeltern mütterlicherseits, im Herrenhaus Bökerhof. Dort kulminierten ihre Beziehungen zu zwei Männer in einem Skandal. Droste fühlte sich von Heinrich Straube und August von Arnswaldt, die im Haus ihres Halbonkels Werner von Haxthausen verkehrten, in unterschiedlicher Weise angezogen. Der Quellenlage zufolge wollte Arnswaldt die Liebe Annettes zu Straube auf die Probe stellen. Und die junge Frau habe nach Auffassung der beiden Freunde die Probe nicht bestanden, habe Arnswaldt bekannt, dass sie sich durchaus zu ihm hingezogen fühle. Woraufhin Straube mit ihr brach - in einem gemeinsamen Brief mit Arnswaldt. Straubes Eifersucht hatte wohl noch einen weiteren Bezug, nämlich Johann Wolff, einen Architekten aus Kassel, dem Annette unter dem Tisch auf dem Bökerhof die Hand gereicht habe. Und noch ein Verehrer des Freifräuleins war in diesem Sommer auf dem Bökerhof zu Gast und unterhielt sich offenkundig ausgiebig und freimütig mit ihr, der Hamburger Kaufmannssohn Friedrich Beneke.

Für Karen Duve ist klar, die Droste war auch in Liebesdingen ein moderne Frau, ihrer Zeit weit voraus. Während Karen Duve sich auf Drostes Beziehungen zu Männern konzentriert, gehen die Autorinnen Angela Steidele und Elke Weigel auch von lesbischen Beziehungen im Leben der Ikone des bürgerlichen Deutschunterrichts aus. Eine Neigung zur bisexuellen Polyamorie, die sie allerdings nicht leben konnte, deutet sich in verschiedenen Briefen an. Hinweise finden sich auch in Balladen wie "Abschied von der Jugend", "Das Fräulein von Rodenschild", "Das Spiegelbild", "Die Schwestern".

Duves Roman hat einige Schwächen, die Zweifel an der Stimmigkeit ihres Droste-Bildes wecken - was das Lektürevergnügen nicht einschränken muss, aber doch mahnen sollte: dies ist ein sehr subjektiver Blick auf Annette von Droste-Hülshoff. Das geht bis in kleine sachliche Fehler, wenn etwa gleich zu Beginn ein Halbbruder der Mutter als "Stiefbruder" bezeichnet wird. Dann schiebt die Autorin schon nach wenigen Seiten einen Exkurs zum Ausbruch des Tambora im April 1815 ein, der bekanntlich das Klima in Europa durcheinander brachte. Durch Mißernten sei das Leben "unerschwinglich" geworden. In den Briefen der Droste gibt es dazu keinen relevanten Hinweis. Ganz unbefangen und ohne einen abgrenzenden Bezug zu 1815 schwärmt die junge Droste in einem Brief von Ende Februar 1816 von einem verfrühten Frühling: "Ich komme so eben aus dem Garten, Gott! was für ein herrliches Wetter". Und weiter schreibt sie begeistert von den sonstigen "Geniestreichen" des Wetters "seit mehreren Jahren". Lediglich in einem Brief Sprickmanns an Annette von Droste-Hülshoff vom Dezember 1818 gibt es eine Andeutung negativer Wetterkapriolen, er schreibt von dem "Jahre des Mißwachses" und einer "in diesem Jahre mißgeratenen Apfelernte" - wohlgemerkt 1818. Im gleichen Brief schwärmt er vom Sommer 1817 in Potsdam. Besonders problematisch am Roman ist die im Titel schon anklingende Hintergrundannahme, Annette von Droste-Hülshoff habe in diesem Sommer 1820 den Höhe- und Wendepunkt ihres Lebens erfahren. Ähnliches kennen wir aus der Bachmann-Biographik, in der die Trennung von Max Frisch zum vielzitierten Wendepunkt wird.

Als historischer Roman ist der Text Duves voll interessanter, lehrreicher und unterhaltsamer Details, die allerdings häufig vom Bemühen gestaltet sind, Parallelen zur Gegenwart herzustellen. Manche Passagen zum Patriotismus der Zeit und zu den Burschenschaften sind in historisch fragwürdigem Zugriff erkennbar gegen die AfD und ähnliche aktuelle Zeitphänomene geschrieben. Und nicht immer verträgt sich mit der Quellenlage, was die Autorin der Hauptperson zuschreibt, so etwa dass Annette von Droste-Hülshoff mit Kindern nichts anzufangen wußte. Ausweislich ihrer Briefe und anderer Zeugnisse verbrachte sie viel Zeit mit ihren Nichten und Neffen, auch in deren frühesten Jahren, auch betreuend und pflegend. Man lese nur den Brief an die Schwester Jenny vom 23. September 1840 zu ihrem Bemühen um den lungenkranken Neffen Ferdinand.



"Mein Tusculum"

1843 ersteigerte Annette von Droste-Hülshoff das "Fürstenhäuschen" (vor Ort "Fürstenhäusle" genannt) oberhalb der Meersburg. In einem Brief an Levin Schücking vom 15. Dezember 1843 von der Meersburg nennt sie es "mein künftiges kleines Tusculum" - mit einem Ausdruck, der offenkundig in der Jahrhundertmitte Konjunktur hatte, denn in Gustav Freytags Roman "Die verlorene Handschrift", veröffentlicht 1864, spricht auch der Pastor - dem die Handschrift des Tacitus suchenden Professor gegenüber - von seinem "Tusculum", als Rückzugsort (Erstes Buch, Kapitel 5, "Zwischen Herden und Garben").

Levin gegenüber klagt sie allerdings auch verhalten über die finanzielle Belastung, die sie zu ein "Anleihe" bei ihrem Bruder gezwungen habe, nennt den schlechten Zustand des zugehörigen Weinbergs mit etwa 5.000 Stöcken Burgunder, Traminer und Gutedel, der für einige Jahre noch kostspielige Investitionen erfordern werde. Zugleich ist sie optimistisch für die Zukunft, in einem Schreiben an Elise Rüdiger vom 22. November 1843 erwartet sie etwa 1.500 Liter Ertrag an "vortrefflichem" und "eben so viel mittelmäßigen Wein".

Das Schreiben an Elise Rüdiger bietet die ausführlichste Beschreibung des Anfang November ersteigerten Anwesens. Droste-Hülshoff nennt den Preis von "400 Reichsthaler" darin "unerhört" - unerhört günstig. Niemand habe mitbieten wollen, "dieses unglückliche Jahr bringt nur Verkäufer hervor". Anderen Quellen zufolge hatten die Meersburger Honoratioren mit Rücksicht auf die Dichterin - und wohl auch auf die in der Meersburg residierende Familie ihrer Schwester - nicht mitgeboten. Zum Preisvergleich: 1840 hatte Droste-Hülshoff für 5 Portraits von Freunden und Familienmitgliedern 55 Reichstaler ausgegeben. Als Leibrente erhielt sie von ihrem Bruder 200 Taler jährlich. Die Anleihe des Bruders zum Kauf des Anwesens dürfte die Autorin vom Honorar für ihren 1844 bei Cotta erschienenen Gedichte-Band beglichen haben, das 500 Taler betrug.

Die Dichterin hat allerdings nie in diesem Haus gelebt, ihr "Hauptwohnsitz" nach heutigem Verständnis blieb bis zu ihrem Tod 1848 in der Meersburg, in der Obhut ihrer Schwester. Am 21. Juli 1847 verfasste sie ihr Testament, da ihre Gesundheit sie veranlasse, "ein vielleicht schleuniges Ende zu befürchten". Darin vermachte sie das Anwesen (umfasst mit der Formulierung "alle Theile meines Eigenthums welche sich außerhalb der preußischen Staaten vorfinden") ihrer Schwester Maria Anna, genannt Jenny.

Ihr "Tusculum" blieb ihr nicht einmal fünf Jahre, und doch gehört es zu ihrem Leben wie der Besitz in Arqua zu dem Petrarcas, der dort immerhin die letzten fünf Jahre seines Lebens verbringen durfte, während sie nur in der Nähe leben konnte, bei der Schwester. Es gehörte zu ihrem Leben als Aufscheinen einer Utopie, die jenseits des Schreibens Erfüllung verspricht, des Schreibens aber zu ihrer Begründung bedarf. Trotz aller "Familiengüter" blieb sie rast- und heimatlos wie der Frühhumanist, sie, der Gast mit dem Kinder-Schaukelstuhl, welcher sie immer begleitete seit ihrem 10. Namenstag, auf den beständigen Umzügen zwischen den Gütern und dem jeweiligen Wohnsitz ihrer Schwester.



Männer

Der Vater Clemens August II. von Droste zu Hülshoff war eine zurückhaltende Persönlichkeit, der offensichtlich ganz uneitel akzeptierte, dass seine Frau ihn intellektuell wie sachlich-lebenspraktisch dominierte. Er beschäftigte sich mit Zoologie und Botanik und seine Tochter vergleicht ihn in ihrem Fragment "Bei uns zuhause auf dem Lande" mit den münsterländischen Spökenkiekern, da er Berichte von Geistererscheinungen sammelte. Annette von Droste-Hülshoff wuchs so ganz selbstverständlich in einem Umfeld auf, das Menschen nach ihren Fähigkeiten und Eigenschaften einsetzte, nicht nach ihrem Geschlecht.

Eine frühe Schwärmerei verband die junge Autorin mit dem knapp achtundvierzig Jahre älteren Münsteraner Arztsohn, Juristen und Schriftsteller Anton Matthias Sprickmann (1749-1833), einem Vertrauten ihrer Familie und Freund Goethes. Er war 1812 bis 1814 Mentor und Förderer der jungen Autorin, die auch nach seinem Wegzug nach Breslau, später Berlin in sieben erhaltenen Briefen Kontakt mit ihm hielt, ihm ihre frühen literarischen Arbeiten zur Beurteilung übersandte. Der Kontakt schlief 1819 ein. Wie der letzte erhaltene Brief Sprickmanns vom 01. März 1819 nahelegt, fühlte sich dieser überfordert von den Ansprüchen der Autorin, litt wohl auch an gesundheitlichen Problemen und an Berlin.

Eine ernsthafte Beziehung entwickelte sich 1819 zum Kaufmannssohn Heinrich Straube. Doch auch für dessen Freund August von Arnswaldt interessierte sich Droste-Hülshoff offenkundig. Beide Männer verkehrten im Haus ihres Halbonkels Werner von Haxthausen verkehrten. Im Sommer 1820 kulminierten auf dem Gut ihres Halbonkels die Beziehungen zu den beiden Freunden in einem Skandal. Der Quellenlage zufolge wollte Arnswaldt die Liebe Annettes zu Straube auf die Probe stellen. Annette habe nach Auffassung der Freunde die Probe nicht bestanden, da sie Arnswaldt ihre Neigung zu diesem bekannte. Woraufhin beide mit ihr brachen. In einem Brief Droste-Hülshoffs an die etwa gleichaltrige Tante Anna von Haxthausen vom Dezember 1820 erklärt Droste-Hülshoff: "(...) ich hatte Arnswaldt sehr lieb, auf eine andere Art wie Straube. Straubens Liebe verstand ich lange nicht, und dann rührte sie mich unbeschreiblich und ich hatte ihn wieder so lieb, daß ich ihn hätte aufessen mögen, aber wenn Arnswaldt mich nur berührte, so fuhr ich zusammen". Arnswaldt sollte 1830 Anna von Haxthausen heiraten und wurde dann in den Briefen Droste-Hülshoffs mit viel Spott bedacht (u.a. als "hypochondrisch").

Levin Schücking, Sohn ihrer Freundin Katharina Sibylla Busch Verheiratete Schücking, war achtzehn Jahre jünger als Annette von Droste-Hülshoff. Mit ihm verbrachte sie von November 1839 bis März 1842 eine intensive und wohl auch glückliche Zeit zunächst im Rüschhaus und dann in der Meersburg im Winter 1841/42. Dabei entstand auch die gemeinsame Erzählung "Der Familienschild", 1841 veröffentlicht. Die Beziehung war vor allem von Seiten Droste-Hülshoffs so stark emotional aufgeladen, dass Schücking wohl glaubte, seiner Braut Louise von Gall, die er am 7. Oktober 1843 in Darmstadt heiratete, versichern zu müssen: "Die Droste wird stark in den Vierzigern sein, und sieht noch älter aus, weil sie kränklich ist: da kann man jemanden wohl sehr lieb haben, aber - eifersüchtig braucht man doch nicht darauf zu sein."

Kinder in Meersburg berichteten allerdings aus der gemeinsamen Meersburger Zeit, dass das Freifräulein "wie eine Katz auf die Bäume klettert" ("Chronik der Familie Zimmermann", Herbert Kraft 1994, S. 91). Die Beziehung kühlte nach dem Wegzug Schückings aus Meersburg ab und 1846 kam es nach der Veröffentlichung von Schückings Roman "Die Ritterbürtigen" zum Bruch. Von Levin Schücking erschien 1862 die erste Droste-Biographie, "Annette von Droste, ein Lebensbild".



Frauen

Die prägendste Frauenbeziehung für Annette von Droste-Hülshoff war sicherlich die zu ihrer dominierenden Mutter. Im familiären Umkreis bedeutsam war auch die Beziehung zu ihrer wenig älteren Schwester Maria Anna, genannt Jenny, in deren Haushalten sie mehrere Jahre auf Schloss Eppishausen und später auf Schloss Meersburg lebte, sowie die Beziehungen zu den drei Halbschwestern ihrer Mutter, die zwischen 1788 und 1801 geboren waren, also im zeitlichen Umkreis ihrer eigenen Geburt 1797. Sie pflegte früh intensive Freundschaften mit anderen Frauen, mit der Jugendfreundin Katharina Sibylla Busch, der späteren Mutter von Levin Schücking, dann ab 1817 mit der 25 Jahre älteren Wilhelmine von Thielmann, die sie in die Münsteraner Kreise einführte und der sie - etwa in einem Brief vom 12.11.1828 - rückhaltlos ihre Schreibwerkstatt offenbarte, mit Sibylle Mertens-Schaaffhausen, der späteren Lebensgefährtin von Adele Schopenhauer und ab 1830/31auch mit Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen. Bedeutsam wurden in den 1830er Jahren die Freundschaft mit der 15 Jahre jüngeren Elise von Hohenhausen, verheiratete Rüdiger, und ab 1837 die mit Amalie Marie Hassenpflug.

Wenige Jahre vor ihrem Tod hatte sie freundschaftlichen Kontakt mit der 1824 geborenen Tochter des Juristen und Komponisten Robert Lucas de Pearsall, Philippa, die mit ihrem Vater am Bodensee lebte. Erhalten ist ein sehr emotionaler Brief vom 27. August 1844, mit der Wendung: "Ihre Liebe ist mir ein frischer, wohlthätiger Strahl in meinem abnehmenden Leben". Der Brief endet mit dem Wunsch, "Gott segne Sie, meine theure junge Freundin, denken Sie viel an mich, ich werde sehr viel an Sie denken, und eine Liebe ist doch der andern werth; adieu." Ein weiteres Zeugnis finden wir in einem Brief an Louise Schücking vom 04. März 1844; darin schildert Droste-Hülshoff Philippa als "ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von 20 Jahren, in der eine tüchtige Mahlerin und Gesangscomponistin steckt".

Schon die Freundschaft mit Elise Rüdiger zeigt eine besondere Nähe zu den nachkommenden Frauengenerationen, bis hin zur Identifikation, und fällt auf durch ein Kokettieren mit der eigenen Jugendlichkeit. So schreibt sie am 03. September 1839 an Elise Rüdiger scherzhaft von sich als "gefährliche(r) junge(r) Person()", die der Freundin den Gatten abspenstig machen könne. In einem Schreiben an Sibylle Mertens vom 11. Juli 1843 von der Abbenburg nennt sie sich selbst "ewig jung und ewig schön" ihrer noch nicht ergrauten Haare wegen - und es bleibt unklar, wie weit hier Ironie, wie weit ein Selbstbild beteiligt sind. Droste-Hülshoffs Frauenbild war ihrer Zeit, zumal den Verhältnissen in Adelskreisen, weit voraus. Die jüngeren Freundinnen dürften ihr daher auch nahe gestanden haben als Vertreterinnen einer neuen selbstbewußten Haltung zum Frausein, insbesondere zum Frausein als Künstlerin und Intellektuelle. Elise Rüdiger hat in ihr auch ausdrücklich ein Vorbild unabhängigen Frauseins gesehen und sie so den nachfolgenden Frauengenerationen nahebringen wollen.

Wenn in ihren Schreiben an die Freundinnen oft ein erotischer Ton anklingt und sie besonderen Anteil an der Beziehung zwischen Sibylle Mertens und Adele Schopenhauer nahm, kann dies zunächst als allgemeines Interesse an menschlichen Beziehungen gewertet werden. Allerdings bleibt eine Irritation über das Bild, das sie im bereits erwähnten Brief vom 11. Juli 1843 an Sibylle Mertens für die Freundschaft mit dieser wählt, das einer Ehe, mit dem Verweis auf die baldige "silberne Hochzeit". Ein Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843 endet mit "Lieb Lies, wissen Sie wohl, daß Sie jeden Abend im Bette bey mir sind? - das ist meine Haupt-Elisenzeit,  - wenn ich das Licht gelöscht, und die Augen halb geschlossen habe, dann wird ihr gutes Gesichtchen oft fast so deutlich wie eine Vision, und ich sage Ihnen Alles, was mich den Tag bedrängt hat".

Und auch wenn es spielerisch gemeint scheint, ihr häufiger Verweis auf das Rococo in Beziehungskontexten ("so leben wir ja in den Zeiten des Rococo" lesen wir in einem Brief an Elise Rüdiger vom 03. September 1839), das dem Biedermeier als Zeit sexueller Freizügigkeit auch im Gleichgeschlechtlichen galt, legt nahe, die erotische Komponente ihrer Frauenbeziehungen ernst zu nehmen. Wenn Droste-Hülshoffs weltgewandter Halbonkel Werner von Haxthausen an ihre Mutter einmal schrieb, in ihr keime eine "zweyte Sappho", mag das nicht nur im Blick auf ihre lyrische Begabung Gültigkeit beansprucht haben. In ihrem Jugenddrama "Bertha", das Fragment blieb, wird Bertha - in der unschwer ein Portrait der Autorin zu lesen ist - von der Schwester "Zwitter" genannt. Annette von Droste-Hülshoff nannte ihre Schwester Jenny auch gerne namensspielerisch "Hans". Die Autorinnen Angela Steidele und Elke Weigel sprechen explizite von lesbischen Neigungen Droste-Hülshoffs.

Auf dem Friedhof Meersburg liegt neben dem Grab Droste-Hülshoffs das von Amalie Hassenpflug. Der Briefwechsel der beiden ist nicht erhalten.



Krankheiten

Krankheiten begleiteten Annette von Droste-Hülshoff von der frühen Geburt als Siebenmonatskind durch einen Sturz der Mutter bis hin zu ihrem Tod durch Herzversagen im Alter von gerade 51 Jahren. Neben einer vermutlich frühgeburtsbedingten Herzschwäche (allerdings litt auch die Mutter unter beständigem "Herzklopfen") war eine verschleppte Lungentuberkulose der Quellenlage zufolge ein weiteres Hauptleiden. Das auf Portraits und in Beschreibungen auffallende Hervortreten ihrer Augen kann auf Morbus Basedow hinweisen, aber auch auf eine Oculopathia praematurorum.

Ab dem Winter 1828/29 wurde sie von Clemens Maria von Bönninghausen, einem Schüler Hamanns, homöopathisch wegen ihres "schwindsuchtartigen Zustandes" behandelt, nachdem der Familienarzt nicht mehr weiter wußte. In zwei Schreiben an Bönninghausen von Anfang und Ende November 1829 gibt Droste-Hülshoff erste stichwortartige Berichte ihrer allgemeinen Krankheitssymptome, die von "Zuweilen Stiche im Kopf" über "Abgang kleiner Madenwürmer" bis "Große Schwermut, mit Furcht vor einer Gemüthskrankheit" gehen, von "Kopfweh, vorzüglich im Hinterkopf" über "Kollern im Leib" bis "kalter Schweiss der Füsse".

In einem Brief an die Freundin Sibylla Mertens vom 5. Juli 1843 erklärt sie die verspätete Antwort auf einen Brief so: " Mir ist wieder ganz miserabel gewesen". Und weiter führt sie aus: "Jetzt hat sich mir der Krankheitsstoff wieder auf den Kopf geworfen, der mit den ganzen Tag summt und siedet wie eine Teemaschine." Ganze vier Wochen sei es ihr schlimmer gegangen, jetzt aber könne sie zumindest der geliebten Freundin antworten. Einige Zeilen später unterbricht sie den Brief für weiter sechs Tage heftiger Zahnschmerzen.

In einem Brief an Pauline von Droste-Hülshoff (Frau ihres Vetters Clemens-August) schreibt sie gegen Ende eines langen Krankheitsjahres am 27. Oktober 1845 von der Furcht, "das Blutspein wieder hervorzurufen" durch allzu ausgedehntes Briefeschreiben. Am 16. Februar 1847 berichtet sie der Freundin Elise Rüdiger von einem Zusammenbruch, "6-7 mal im Tage Erbrechen - ein erstickender Husten und Schleimandrang - immer Fieber - kein Schlaf". Und weiters berichtet sie von einer "Blutruhr". In Meersburg habe man zwei Ärzte bestellt, um nach ihr zu schauen, "Einen aus der Stadt, und den sehr geschickten Brunnenarzt von Ueberlingen". Und dieser "Brunnenarzt" habe erklärt: "mir tauge keine Medizin - ohne Ausnahme, - ich sey in allen inneren Theilen völlig gesund, aber meine Nerven in einem Zustande der Ueberreizung, wie ihm noch nie vorgekommen - er habe mir Dosen gegeben wie sie für ein eben geborenes Kind paßten, und ich habe die ihnen entsprechenden Zufälle bekommen, als ob er mich mit ganzen Pfunden vergiftet hätte".



Musik

Das Musikleben in Münster war ausgesprochen gut entwickelt. Es gab zwar kaum Uraufführungen, aber innerhalb weniger Jahre wurde in Münster nachgespielt, was zuvor in Wien oder anderen Metropolen des Musiklebens uraufgeführt war. Haydns "Schöpfung" kam bereits zwei Jahre nach Wien in Münster zur Aufführung. Die Truppe von August Pichler machte sich besonders um Opern verdient. Zum Ensemble gehörte auch der junge Albert Lortzing, dessen Oper "Ali Pascha" 1828 in Münster uraufgeführt wurde. 

Hausmusik gehörte zum Alltag der Familie Droste-Hülshoff. Der Vater Clemens August spielte Geige und komponierte für die Familie kleine Lieder, die Mutter spielte Klavier. Annette von Droste-Hülshoff erhielt zunächst von der Mutter Klavierunterricht, dann ab 1809 zusammen mit ihrer Schwester Jenny von Joseph Wilhelm Ketterer, Organist des Hohenholter Damenstifts. Die Autorin entwickelte sich offenkundig zu einer hervorragenden Klavierspielerin, die gerne zum Vorspiel gebeten wurde und die Ketterer am 17. Juni 1813 gar an der Orgel der Stiftskirche Hohenholt vertreten durfte. Sie überzeugte auch durch ihren Gesang bei häuslicher Kammermusik und bei verschiedenen Konzerten. Über den Charakter ihrer Stimme gibt es unterschiedliche Angaben. Johann Heinrich Wolff erklärt zu einem Besuch bei Droste-Hülshoff im Jahr 1820, er habe "ihr musikalisches Talent bewundert, wenn sie zwar mit schwacher aber wohlklingender Stimme ihre italienischen Arien sang". Friedrich Beneke berichtet über seine Begegnung mit der Autorin in Bökendorf im Sommer 1820: "Ihre Stimme ist voll, aber oft zu stark und grell, geht aber sehr tief und ist dann am angenehmsten." Im Dezember 1823 lernte sie in Münster bei einem Konzert die Sängerin Nina Correga kennen, bei der sie dann Gesangsunterricht nahm, wie ihre Schwester in einer Lebensbeschreibung für Johann Wilhelm Joseph Braun 1856 berichtet.

In einem Brief an die Tante Ludowine von Haxhausen vom 28./29. Januar 1820 erzählt Droste-Hülshoff, sie sollte am 26. Januar gemeinsam mit einer "Madame Vennewitz" (Lisette Vennewitz) im Rathaus Höxter als Sängerin auftreten, habe kurzerhand aber auch die Begleitung am Klavier übernommen, als sie den schlechten Vortrag des vorgesehen Pianisten hörte.

In Komposition wurde sie nicht ausgebildet, doch dank vielfältiger Kontakte zum Musikgeschehen, vor allem regelmäßiger Opern- und Konzertbesuche, war sie auch über den Bereich der Hausmusik hinaus musikalisch involviert, informiert und gebildet. Ein Interesse an Komposition zeigte sich schon früh. Die Mutter schreibt am 2. Juli 1812 an ihren Halbbruder Werner von Haxthausen, Annette habe sich "mit aller Heftigkeit ihres Charakters auf's Componieren geworfen". Ihr Onkel Maximilian von Droste-Hülshoff, Komponist und Freund Joseph Haydns, schenkte ihr 1821 ein von ihm verfasstes Lehrwerk über den Generalbaß.

Besonders faszinierte sie, auch als Autorin, die Oper. 1820 wird in der Familie berichtet, dass sie an einer Oper arbeite. Der Arbeitstitel lautete "Babilon", es ging um ein Kreuzzugsthema. Annette von Droste-Hülshoff schrieb sowohl das Libretto als auch die Musik. Allerdings ist das Werk nicht über einige Fragmente hinausgekommen. In einem Brief an Wilhelm Junkmann vom 04. August 1837 spricht sie von den Arbeiten, die noch auf ihrem Schreibtisch liegen und der Vollendung harren, darunter "zwey Opern, Babilon und die seidenen Schuhe". Überliefert sind neben den umfangreichen Ausarbeitungen zu "Babilon" und den Skizzen zu einer Oper, die wohl mit "die seidenen Schuhe" gemeint ist und das Singspiel "Tordenskiol"/"Der blaue Cherub" von Adam Oehlenschläger zur Grundlage hat, auch Fragmente zu den Opernplänen "Der Galeerensklave" (inhaltliche Überschneidungen mit "Die Judenbuche") und "Die Wiedertäufer".

Überliefert sind 29 von Annette Droste-Hülshoff komponierte Lieder für Singstimme und Klavier, die in der Familie und unter Freunden vorgetragen wurden, in einer Ausgabe von Thomas Ascher. Karl Gustav Fellerer hat mehrstimmige Lieder und Volksliedbearbeitungen der Komponistin nach dem "Lochamer Liederbuch" herausgegeben. Die meisten Liedkompositionen entstanden in der Zeit mit Mutter und Schwester im Rüschhaus ab 1826.

Lektüreempfehlung: Mirjam Springer, Musikalien. In: Cornelia Blasberg/Jochen Grywatsch (Hrsg.), Annette von Droste-Hülshoff Handbuch, De Gruyter, 2018



Humor

Wilhelm Grimm (1786-1859) war bei seinem Besuch in Bökendorf im Sommer 1813 etwas indigniert durch das quirlige und vorlaute Wesen der 16jährigen Annette, wie er seinem Bruder in einem Brief bekannte. Wie Droste in einem Brief an Ludowine von Haxthausen vom 27. Juli 1813 ausführt, hat sie wohl auch mit der Wortbedeutung seines Familiennamens gespielt. Eine genauere Vorstellung von ihrer scharfen Zunge damals bekommt man beim Blick auf ihr Stegreifspiel "Scenen aus Hülshoff", das 1814 entstanden ist. In einer Regieanweisung, wenn man es denn so nennen möchte, heißt es zur ersten auftretenden Person, "Nette": "Sie schlägt ein Paar große matte unbedeutende Augen auf wozu sie sich in Ermangelung anderer ihrer eigenen bedient." In einem Brief an Elise Rüdiger schreibt Droste-Hülshoff rückblickend 1844: "Ich war damals 17 Jahr, und passionirt darauf in Knittelversen zu improvisieren, je dummer je besser." Wie der Brief weiter vermuten lässt, wurde viel gelacht im Hause Droste-Hülshoff.

Ihre Rolle in der Familie wurde von der Mutter in einem Brief an die Verwandtschaft in Bökendorf vom Frühjahr 1829 einmal als "Hoflustigmacher" benannt. Dazu gehörte auch noch die Abfassung des Lustspiels "Perdu!" im fortgeschrittenen Alter 1840, zu der "Nette" in Bökendorf gedrängt wurde. Ansonsten findet sich in ihren Werken Humor vor allem in seiner kritischen bis sarkastischen Variante, eingestreut in zahlreiche Gedichte, unter anderem solche mit Spott über männliches Großtun ("Die Gaben") oder mit parodiehaften Darstellungen des "romantischen" Dichtertums (""Vor vierzig Jahren", "Dichters Naturgefühl"). Allerdings wurden diese Texte eher selten rezipiert - und der Spott wird dominiert von einem ernsthaften Anliegen, ist freundlich verpackt. Anders in ihren Briefen. Die Herausgeber des Bändchens "Aus ihren Briefen" erklären gar:"Kenner der Drosteschen Lyrik werden überrascht sein, in den Erzählkernen der Briefe Ingredienzen zu finden, die sich im poetischen Werk eher rar machen: Humor, Sarkasmus, Spottlust und beißende Selbstironie." (Blasberg/Grywatsch 2010, S. 133)

Walter Gödden hatte bereits 1991 in seiner verdienstvollen Studie "Die andere Annette" zu Annette von Droste-Hülshoff als Briefautorin ein Kapitel mit dem Titel "Stilübungen. Die Briefprosa der Droste und ihr Humor" dem Thema gewidmet. Wovon Gödden in diesem Kapitel berichtet, zeigt insbesondere die bissige und bisweilen sehr deftige Dimension des Droste-Hülshoffschen Humors, die weit über das Jugendalter mit seinen "Scenen aus Hülshoff" hinaus Bestand hatte. "Die Witzesfunken der Dichterin waren deshalb nicht nur beliebt, sondern auch gefürchtet." (Gödden 1991, S. 67) Gödden zitiert, wie Droste-Hülshoff Freiligrath als "Ladenschwengel" bezeichnete, von der Ehe ihrer Schriftstellerkollegin Louise von Bornstedt erwartete sie sich nicht mehr "wie von einer wurmstichigen Nuß" und einem Pastor seien "die Hämorrhoiden (...) in den Kopf geschlagen" (Gödden 1991, S. 66).

Die Familie erwartete von Droste-Hülshoff, dass sie ihr humoristisches Talent auch in die Literatur einbringe, etwa mit der Abfassung von Lustspielen, und hatte wenig Verständnis für ihren Anspruch auf einen literarischen Rang (der doch eher Männern zustünde nach der Meinung ihrer Familie). Im Frühjahr 1826 bezeichnet die Mutter in einem Brief an die Halbschwester Sophie von Haxthausen ihre Tochter als "Hoflustigmacher". In einem Brief an Schlüter vom 26. April 1840 klagt die Autorin, sie sei müde "des seit zwanzig Jahren bis zum Ekel wiederholten Redens, über Miskennung des eignen Talents". Sie habe sich dem gebeugt und sich "jener gleichsam bestellten Arbeit", nämlich dem Lustspiel "Perdu!", gewidmet.



Natur

Drostes Halbtante Ludowine von Haxthausen berichtet in einem Brief vom 27. März 1819, "Nette" laufe "einen Tag bei Wind und Wetter spazieren und liegt dafür den ganzen Tag krumm zu Bett". Ihr Interesse am Aufenthalt in der Natur bezogen sich unter anderem auf die Fossilienfunde in den Mergelgruben im Kreis Höxter. Auch in Steinbrüchen war sie oft, auch als erwachsene Frau, unterwegs auf der Suche nach Mineralien. Davon berichtet sie noch am 11. Juli 1843 in einem Brief an Sibylla Mertens aus der Abbenburg (einem der Güter der Familie von Haxthausen):"(...) nur Versteinerungen kann ich mir aus den Felsen schlagen, sehr hübsche, aber immer dieselben, da hat der Spaß denn auch bald ein Ende."

Ihr Naturverhältnis war also durchaus pragmatisch grundiert. Der Gedichtezyklus "Haidebilder" wurde in der Rezeption allerdings immer wieder als Beleg einer im Kern romantischen Naturbeziehung, sowohl bezogen auf den Epochenbegriff als auch im Allgemeinbegriff, verstanden. Dem steht gegenüber, dass sie die romantische Naturverehrung (weniger auf den Epochenbegriff als auf das Alltagsverständnis bezogen) scharf ironisch kritisierte, so in ihren Gedichten "Vor vierzig Jahren" und "Dichters Naturgefühl".

Als eines der Anliegen des Zyklus "Haidebilder" versteht Winfried Woesler im Anschluss an Manfred Weiß-Dasio die Rehabilitation der Landschaft Westfalens gegenüber der seit Voltaires "Candide" anhaltenden Ausgrenzung der Landschaft und ihrer Bewohner als hinterwäldlerisch und unzivilisiert. Ein Projekt, an welchem auch Freiligrath und Schücking beteiligt waren: "Freiligrath und Schücking begannen seit 1839 zur Ehrenrettung ihrer Region den Band Das malerische und romantische Westphalen zu konzipieren, an dem die Droste anonym mitgearbeitet hat." (Woesler 2017, S. 53)

Dabei kommt es auch zu einer Rehabilitation der Landschaft gegenüber dem Zugriff eines idyllisierenden Naturverständnisses. Der "Dichter" in "Die Vogelhütte" floh aus dem Schloss, in welchem er seine Gedichte - offenkundig mit wenig Erfolg - vorgetragen hatte, in die vermeidliche Idylle einer "Vogelhütte", wo er nun dem Regen zuschauen muss und sich nach der "heitre(n) Stube" im Schloss sehnt. In der Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten der Naturverhältnisse gelangt er dann zu einer realitätsgeprüften Auffassung der Natur, gleichsam vom Regen geläutert, und bekennt zum Ende "Alles Schimmer, alles Licht,/Bergwald mag und Welle nicht/Solche Farbentöne hegen,/Wie die Haide nach dem Regen".

Der allzu gefällige Reim mag schon wieder Drostesche Ironie bekunden, das Lob der Heide gegenüber Hochgebirge und Meer klingt überspannt wie der Beginn des Gedichtes. Doch die Auflösung in Licht und Farbe ist gewiss eines nicht: idyllisierende Naturbetrachtung. Wir ahnen hier schon den Impressionismus der Malerei, eine neue ästhetische Wahrnehmung der Natur. Und darin unterscheidet sich der Text Drostes auch substantiell vom Naturpreis im Gedicht "Die Heide" von Brockes. Dort heißt es zu Beginn: "Es zeigt sogar die dürre Heide,/Wenn man sie recht genau betracht’t,/Des grossen Schöpfers Wunder-Macht."

Lektüreempfehlung: Winfried Woesler, Annette von Droste-Hülshoff: "Die Vogelhütte". In: Franz Schwarzbauer/Winfried Woesler (Hrsg.), Natur im Blick, Peter Lang 2017



Raum und Zeit

In einem Brief an Sprickmann vom 08. Februar 1819 schreibt Droste über ihren "unglückselige(n) Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe". Als ihre "Lieblingsgegenden" nennt sie dann "Spanien, Italien China, Amerika, Afrika". Allerdings bekennt sie zugleich die Torheit dieser Sehnsüchte, "da ich zudem das Reisen garnicht vertragen kann" und sie sich fern von Zuhause schon binnen Wochenfrist dorthin zurücksehne. Ihre Reisesehnsucht wurde von der Familie gelegentlich auch verspottet, etwa wenn ihr schon nach einer kurzen Kutschenfahrt entsetzlich übel wurde.

"Bonn ist sehr nahe bey Cöln, - bey dem jetzigen Verschwinden alles Raumes fast wie derselbe Ort". Dieser durch und durch modern anmutende Gedanke findet sich in einem Brief an Schlüter 15. April 1846. Durch die sich rasant ausweitenden Reisemöglichkeiten, die zunehmende Internationalisierung der Literatur (auch amerikanische Autoren wurden auf Schloß Hülshoff gelesen), die Begegnung mit Reisenden aus anderen Ländern und die politischen Verwerfungen waren räumliche Distanzen und Grenzziehungen (in spannungsvollem Gegensatz zur Nationalstaatenbildung) in ihrer Bedeutung erheblich zurückgenommen.

In Droste-Hülshoffs Gedichttiteln erscheinen häufige Zeitangaben, Jahreszeiten, Wochentagen, Zeiträum. Besonders auffallend sind Titel wie "Vor vierzig Jahren" und "Nach fünfzehn Jahren", die einen distanzierten, historisierenden Überblick suggerieren, der auch in ihren Briefen oft erscheint, etwa wenn sie in einem Brief vom 11. Juli 1843 die Freundin Sibylle Mertens daran erinnert, wie lange die Freundschaft schon währe (18 Jahre) und in wieviel Jahren (7) "silberne Hochzeit" gefeiert werden könne.

Es kommt im Werk Droste-Hülshoffs im Umgang mit Raum und Zeit eher zu einer subjektiv geprägten Neukonstitution von räumlichen und zeitlichen Beziehungen, darüber sollten die zahlreichen exakten Zeitangaben nicht hinwegtäuschen. "Der objektiv-totale Raum- und Zeitaufbau erfordert als dichterische Haltung ein Überschauen des Ganzen und ein Hinwegsehen über das Einzelne. Diese Eigenschaften fehlen der Lyrik der Droste in extremem Maße."  (Schlaffer 1966, S. 89)

Lektüreempfehlung: Heinz Schlaffer, Lyrik im Realismus. Studien über Raum und Zeit in den Gedichten Mörikes, der Droste und Liliencrons, 1966



Politik und Religion

Im Elternhaus waren Politik und Religion, war die zeitgenössische Verbindung von Politik und Religion unmittelbar erlebbar, hatte die Familie doch über hohe Ämter engen Bezug zur Machtspäre, war sie eingebunden in Verwaltung, Militär und Kirchenpolitik des Münsterlandes. Bruder Werner-Constantin vertrat die Familie nach dem Tod des Vaters 1826 nach außen und war politisch aktiv als Vertreter konservativer Interessen, aus dem Freundeskreis der Schwester Jenny um die Gebrüder Grimm kamen Anregungen zur Beschäftigung mit eher fortschrittlichen politischen Themen.

Ihr erster Verehrer, Heinrich Straube, war Zimmergenosse von Heinrich Heine in Göttingen. Drostes geliebter Freund Lewin Schücking hatte Kontakt mit dem jungen Friedrich Engels zur Herausgabe einer Übersetzung von Percy Bysshe Shelleys atheistisch geprägten Werken. Der Mann ihrer Freundin Elise von Hohenhausen, Karl Ferdinand Rüdiger, war Mitglied der Preußischen Nationalversammlung; Elise Rüdiger selbst führte in Münster einen literarischen Salon, der auch offen war für politische Literatur.

Walter Gödden schreibt in "Die andere Annette" von der Briefeschreiberin Droste-Hülshoff: "Auch wenn die Dichterin Schlüter gegenüber äußerte: Die Politik bekümmert uns Beyde gleich wenig, so geht doch aus zahlreichen Briefstellen ihr Interesse an politischen Vorgängen hervor." (Gödden 1991, S. 94) Ihre Gedichte "An die Schriftstellerinnen" und "An die Weltverbesserer" sind zweifellos - in schon rührender Verschleierung - politisch fortschrittlich, wenngleich sicherlich nicht sozialistisch, gestimmt. In einem Brief an Levin Schücking vom 27. Mai 1842 kritisiert sie die "rein antirepublikanische() Tendenz" eines Stückes von Bernhard Mayer.

Ihr Gedicht "An die Weltverbesserer" wurde von liberalen bis sozialistischen Gruppierungen als fortschrittlich aufgefasst, nach der ersten Publikation 1842 im "Morgenblatt" im gleichen Jahr noch zweimal nachgedruckt und 1843 von Hermann Marggraf in eine Anthologie "Politische Gedichte aus Deutschlands Neuzeit" aufgenommen. In einem Brief an Schücking vom 26. April 1843 berichtet sie darüber und klagt mit unverhohlenem Gefallen, "so muß ich armes loyales Aristokratenblut da zwischen Herwegh, Hoffmann von Fallersleben et cet, paradiren. - Freiligrath und Geibel sind aber auch darin, so giebts doch gute Gesellschaft."

Mit ihren frühen Arbeiten, unter unmittelbarem Einfluß der Mutter und des der Mutter verbundenen Philosophen Schlüter geschrieben, kann Droste-Hülshoff auch als religiös motivierte Autorin gelten. Der Zyklus "Das geistliche Jahr" wurde von Schlüter bis zum Abbruch der Arbeit daran 1840 eng begleitet. Schlüter hat auch dann die Veröffentlichung des von der Autorin zu Lebzeiten nicht freigegebenen Manuskripte-Konvolutes 1851 betrieben - mit Ergänzungen von Schlüter nach Erinnerungen an Gespräche mit der Autorin. Erst diese Publikation machte aus Droste-Hülshoff die "katholische Autorin", als die sie sich selbst nie gesehen hat, wie die von ihr autorisierten, zu Lebzeiten 1838 bzw. 1844 erschienenen Gedichtbände zeigen.



Poetologie

Meine Lieder werden leben,
Wenn ich längst entschwand:
Mancher wird vor ihnen beben,
der gleich mir empfand.

Dieser Text wird üblicherweise gelesen als ein Hinweis auf das Selbstbewußtsein der Dichterin, die sich der Qualität ihrer Arbeiten sicher war und einen entsprechenden Nachruhm erwartete. Doch aus heutiger Sicht, belehrt durch die Arbeiten der postmodernen Literaturauffassung, klingt hier bereits der Abschied vom Autorsubjekt der Aufklärung an. Die "Lieder" stehen im Mittelpunkt, nicht die Autorin. Dazu fügt sich auch der Brief vom 24. Juli 1843 an Elise Rüdiger, in welchem es heißt: "(I)ch mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden, und vielleicht gelingts mir, da es im Grunde so leicht ist wie Columbus Kunststück mit dem Ey, und nur das entschlossene Opfer der Gegenwart verlangt". Auch wenn hier das Autorsubjekt betont wird (was im Kontext eines Briefes nicht erstaunt), steht das Gelesenwerden der Texte im Vordergrund.

Bekannt ist auch die Abneigung der Autorin gegen Kunst als Brotberuf, gegen jede Anpassung an den Publikumsgeschmack. Die gesicherten Finanzverhältnisse ihrer Familie erlaubten ihr auch diese Haltung. Gleichwohl konnte sie - unter anderem dank ihrer Freunde - vorteilhafte Honorare für ihre Arbeiten erzielen. Für ihren zweiten Gedichtband erreichte Lewin Schücking bei Cotta ein Honorar von 500 Talern (das entsprach 875 Gulden) - was über dem Jahresgehalt eines Oberlehrers der Zeit lag. In einem Brief an Schlüter vom 17. Juli 1834 schreibt sie: "Klappern gehört zur Kunst, d.h. wenn sie nach Brode geht." Sie musste für ihr Honorar jedoch kein Brot kaufen, sondern erwarb damit ihr Haus am Bodensee (das "Fürstenhäusle").

Deutlich ist ihre Abkehr vom Bild des Dichters als Seher und Prophet, vom "poeta vates", wie es in Teilen der Klassik und in der Romantik das Dichterverständnis mit bestimmte. In einem Brief vom 26. April 1840 an Schlüter bemerkt sie: "warum ist man wohl so ungeneigt zu poetischen Arbeiten, in so höchst poetischen Momenten? ich denke wohl weil der Genuß den regelrechten Gedanken nicht aufkommen läßt". Der "regelrechte Gedanke" ist deutlich als handwerkliches Können auszumachen. Hier gibt es zweifellos Parallelen etwa zum Kollegen Edgar Allen Poe (1809-1849), der zur Produktion seines Gedichtes "The Raven" von 1845 in "The Philosophy of Composition" ausführt: "Meine Absicht geht dahin, zu zeigen, daß sich keine einzige Stelle dieses Gedichtes dem Zufall oder der Inspiration verdankt, daß es vielmehr, Vers für Vers, mit derselben Genauigkeit und Logik aufgebaut ist, wie die einzelnen Sätze eines mathematischen Beweises." (Übersetzung von Hans-Magnus Enzensberger)

Erinnern wir uns auch an die "Dichterwette" von 1841/42, als Droste-Hülshoff mit Schücking ausmacht, auf der Meersburg jeden Tag ein Gedicht zu schreiben - 53 Texte sind so entstanden zwischen dem 30. September 1841 und Anfang Februar 1842. Damit steht Droste-Hülshoff dem Konzept des "poeta faber" nahe. Dies zeigt sich auch in ihrer Naturlyrik, die durch genaue Beobachtung und die Einbindung der Natur in soziale Zusammenhänge ausgezeichnet ist, dominiert von handwerklich sauberem Arbeiten am Text.



Einflüsse der englischsprachigen Literatur

Ein lebhaftes Interesse an England, besonders an englischer Literatur, historisch auf Shakespeare bezogen, zeitgenössisch vor allem auf Lord Byron, war Signum der Droste-Zeit. Freiligrath beabsichtigte Anfang der 1840er Jahre die Herausgabe einer Zeitschrift für englisches Leben und Literatur, wofür er aber keinen Verleger fand. Das Interesse war im übrigen gegenseitig. Ab etwa 1830 entdeckten englische Künstler und Intellektuelle den Rhein und das Bodenseegebiet als Orte der Erholung und Inspiration.

Früh beschäftigte sich Annette von Droste-Hülshoff im Kreis der Familie mit englischsprachigen Dichtern, vor allem mit den Werken von Sir Walter Scott und George Gordon Noel Byron. Byron kannte sie in der Übersetzung durch Elise von Hohenhausen, die Mutter ihrer Freundin Elise Rüdiger. Walter Scott übersetzte sie selbst, sie beschäftigte sich dazu in der Fürstlichen Bibliothek Corvey (später sollte dort Hoffmann von Fallersleben Bibliothekar werden) mit dem Themenkreis "Gothic Novel". Neben der volkstümlichen westfälischen Überlieferung hat diese Beschäftigung entscheidend ihre literarische Neigung zu Mordgeschichten und zu unheimlichen Geschehnissen geprägt. Gelesen hat sie unter anderem "Eugene Aram" (1832) von Edward Bulwer-Lytton und Washington Irvings "Bracebridge Hall" (1822). Auch das Werk Ann Radcliffes war ihr gut vertraut.

Adele Schopenhauer verglich in einem Brief an die Autorin von Ende 1834 Drostes Schreiben mit Byron: "Mich dünkt Byron Ihrem Genius nah stehend" (HKA XI, S. 68). Der Freund und Vertraute Schlüter bezeichnete Droste-Hülshoff einmal als "weiblichen Byron". Jürgen Klein verweist auf das den beiden Autoren gemeinsame Beharren auf einer faktischen Grundlegung des Unheimlichen. Klein sieht relevante Bezüge zwischen Byrons "Manfred" und Droste-Hülshoffs "Das Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard". In Droste-Hülshoffs Ballade "Der Graue" beschäftigt sich die Hauptfigur mit Walter Scotts "Ivanhoe" (1820), in "Die Vogelhütte" fühlt sich der einsame Dichter wie der "fromme Bruder Tuck im Ivanhoe".

Lektüreempfehlung: Jürgen Klein, Annette von Droste-Hülshoff: "Das Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard" (1828-1838). Negative Natur, Ästhetik der Kälte und die englische Romantik. In: Franz Schwarzbauer/Winfried Woesler (Hrsg.), Natur im Blick, Peter Lang 2017



Rezeption

An ihr kommt niemand vorbei, der sich mit deutschsprachiger Lyrik beschäftigt, jeder kennt sie aus dem schulischen Deutschunterricht: Annette von Droste-Hülshoff, die große alte Dame der deutschen Lyrik, der Novellistik und der Balladendichtung. Sie selbst hielt sehr viel von ihrer schriftstellerischen Arbeit, zumindest erwartete sie ein Fortleben ihrer Literatur, wie in der (posthum erschienen) Sammlung "Das geistliche Jahr" zu lesen ist:

Meine Lieder werden leben,
Wenn ich längst entschwand
Mancher wird vor ihnen beben,
Der gleich mir empfand.
Ob ein andrer sie gegeben
oder meine Hand:
Sieh, die Lieder durften leben,
Aber ich entschwand.

Schon bei den zeitgenössischen Intellektuellen fand Annette von Droste-Hülshoff so viel Anerkennung, dass sie durch ihr Schreiben auch ein bescheidenes Einkommen erwirtschaften konnte. Allerdings sah sie sehr klar, dass auch der Literaturmarkt auf Moden aus war, dass, wer heute als Star gehandelt wurde, morgen vergessen sein konnte. Am 24. Juli 1843 äußerte sich die Autorin aus der Abbeburg der Freundin Elise Rüdiger gegenüber hierzu sehr drastisch: "Wenn ich sehe, wie so Alles durcheinander krabbelt um berühmt zu werden, dann kömmt mich ein leiser Kitzel an meine Finger auch zu bewegen  - Geduld! Geduld! - aber wenn ich dann wieder sehe, wie Einer kaum den Kopf über dem Wasser hat, daß schon ein Anderer hinter ihm einen Zoll höher aufduckt und ihn niederdrückt, - wie Heine schon ganz verschollen, Freiligrath und Gutzkow veraltet sind - kurz, die Celebritäten sich einander auffressen und neu generiren wie Blattläuse, - dann scheint mirs besser die Beine auf den Sopha zu strecken, und mit halbgeschlossenen Augen von Ewigkeiten zu träumen."

Und weiter schreibt sie: "so steht mein Entschluss fester als je, nie auf den Effect zu arbeiten, keiner beliebten Manier, keinem anderm Führer als der ewig wahren Natur durch die Windungen des Menschenherzens zu folgen, und unsre blasirte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken anzusehn, - ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden".

Sie wurde nicht vergessen - ob sie sich gefreut hätte darüber, dass auch Heinrich Heine nicht vergessen wurde? Paul Heyse (1830-1914) sah schon früh in ihr "Deutschlands größte Dichterin". Im "Kulturkampf" gegen den päpstlichen Zugriff auf die Politik in Deutschland wurde Droste-Hülshoff in den 1870er Jahren als "katholische Westfälin" zu einer Wegbereiterin des liberalen, kulturell getragenen Nationalstaates stilisiert. Drostes Werke, darunter neben Gedichten und der Ballade "Der Knabe im Moor" vor allem die 1842 veröffentlichte Novelle "Die Judenbuche", gehören zum Grundbestand der deutschsprachigen Literatur. Dazu beigetragen hat sicherlich der versöhnliche Ton, den sie auch bei schwierigen Themen - an denen ihr Werk überreich ist - vordergründig anschlägt, sowie ihre Neigung zu erzählender Gestaltung auch in der Lyrik - die von den Zeitgenossen allerdings nicht geschätzt wurde, nach Auskunft von Levin Schücking (Einleitung in die Werkausgabe von 1878).

Sarah Kirsch nannte Drostes Romanfragment "Ledwina", dem sie 1973 begegnete, ein "Geschenk des Himmels." In einem Gedicht, geschrieben im gleichen Jahr, wünscht sie sich: "Der Droste würde ich gern Wasser reichen/In alte Spiegel mit ihr sehen"". Marcel Reich-Ranicki nannte dann Kirsch ihrer Lyrik wegen in einem Essay der FAZ vom 17. Mai 1980 "(d)er Droste jüngere Schwester".

Ein Portrait der Dichterin zierte vor der Einführung des Euro den 20-Mark-Schein sowie eine 1961 ausgegebene und bis 1970 gültige Briefmarke zu 1 DM. 2002 erschien eine 45-Cent-Marke der europäischen Währung mit ihr. Zum 217. Geburtstag 2014 wurde Droste-Hülshoff ein Google Doodle gewidmet.